Rüdiger Gerst: Verzicht auf Bahnübergang wäre schlechte Politik

Veröffentlicht am 7. Oktober 2015 von Johannes Michel

Das sieht man nicht alle Tage – und schon gar nicht bei einer Bürgerversammlung. Weit über hundert Bürgerinnen und Bürger aus Kemmern waren ins Sportheim gekommen, um sich über die beiden großen Themen „Flüchtlinge“ und „ICE-Ausbau“ zu informieren. Außerdem gab Bürgermeister Rüdiger Gerst allgemeine Ausblicke und betonte, warum ein Ersatz des Bahnübergangs auf eigenem Gemeindegebiet so wichtig ist.

„Seit 165 Jahren gibt es in Kemmern einen Bahnübergang. Auf ihn zu verzichten, wäre schlechte Politik“, sagte Kemmerns Bürgermeister Rüdiger Gerst bei der Bürgerversammlung am 5. Oktober 2015. Über 500 Einwendungen gegen die Pläne der Bahn habe es aus Kemmern gegeben, und 465 von ihnen enthielten die Forderung nach einem Ersatz auf eigenem Gemeindegebiet. „Das war ein klares Meinungsbild.“ Und somit, das wurde auch in den weiteren Ausführungen klar, hat Kemmern viel erreicht. Da ist zum einen der Lärmschutz. Zwar wurde nicht allen Forderungen der Gemeinde entsprochen, dennoch wird der ICE-Ausbau für Kemmern Vorteile bringen. Denn aktuell muss die Strecke vollkommen ohne Lärmschutz auskommen, das wird sich also ändern. Die Autobahnbrücke, die im Zuge des viergleisigen Bahnausbaus neu errichtet werden muss, bekommt eine Vorrichtung für Lärmschutzwände – und die Autobahndirektion hat bereits signalisiert, dass ein Lärmschutz für Kemmern nicht mehr unwahrscheinlich ist.

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Alte Planung: Kosten für Kemmern, Vorteile für Breitengüßbach

Eine längere Passage von Gersts Vortrag machte die Überführung aus. Sie wird, als Ersatz für den Bahnübergang, etwas südlicher errichtet, mit einer Fahrbahnbreite von fünfeinhalb Metern, so dass auch Begegnungsverkehr möglich ist. Gerst blickte zurück auf die verschiedenen Varianten, die Gegenstand von Planungen oder auch nur Ideen waren – denn der Prozess zieht sich bereits seit den 1990er Jahren hin. Die erste dieser Varianten war eine Unterführung, die auch Munitionstransporte für die Muna hätte aufnehmen können. Nach dem Ende der Muna allerdings wurde diese Variante schnell verworfen, auch aufgrund schwieriger Bodenverhältnisse.

Lange Zeit war dann eine Kombivariante mit Breitengüßbach angedacht – mit einer Überführung am Kreisverkehr und einer zusätzlichen Unterführung für Fußgänger und Radfahrer im Bereich des aktuellen Bahnübergangs. „Letztere wurde aber durch das Eisenbahnbundesamt nicht mehr als Bestandteil der Kreuzungsmaßnahme gesehen“, erklärte Gerst. Somit hätte Kemmern die Kosten alleine tragen müssen. Für die Überführung, obwohl auf Breitengüßbacher Gemeindegebiet, wären für Kemmern ebenfalls ein Drittel der Baukosten angefallen. In diesem Punkt habe er konkrete Angebote aus Breitengüßbach vermisst, so Gerst. „Es ist nicht Aufgabe von Kemmern, für Breitengüßbach Erschließungsmaßnahmen zu finanzieren.“ Denn eine solche wäre eine Brücke gewesen, die Breitengüßbach als Osttangente hätte nutzen können.

Überführung Kemmern 2015
Für die Überführung hat Kemmern lange Jahre gekämpft.

Bürgerversammlung Kemmern 2015 (2)
Die Bürgerversammlung im Sportheim war gut besucht. Stühle mussten zugestellt werden.

Asyl: AWO-Geschäftsführer betont Transparenz

Aus der Versammlung waren zur Überführung überwiegend positive Stimmen zu hören, Kritik gab es aber auch. Ein Bürger meinte, die 465 Einwender hätten mit Sicherheit keine drei Millionen Euro teure Brücke gewollt. Übrigens: Auch hier verbleiben zunächst ein Drittel der Kosten bei der Gemeinde Kemmern, wobei Förderungen von um die 60 Prozent möglich sind. Ein anderer Bürger kritisierte den Planfeststellungsbeschluss der Bahn allgemein: Er enthalte viel zu wenig zur Überführung, beschäftige sich aber auf weit über hundert Seiten mit dem Naturschutz, nenne viele Fledermäuse sogar beim Vornamen. Und innovative Schallschutzmaßnahmen wurden ebenfalls angesprochen, laut eines Bürgers würden solche die Landschaft nicht derart verschandeln wie meterhohe Lärmschutzwände. Möglich seien die aber nicht, so Gerst, da eine Zulassung für die zum Teil noch in der Erprobung befindlichen Techniken fehle. Zum Bauzeitenplan sagte Gerst nur, dass sich die Gemeinde bemühen werde, auf politischem Weg eine schnelle Finanzierung zu erreichen. Denn an dem kommenden Jahr wird die Bahn die viergleisige Strecke zunächst nur bis Breitengüßbach Süd errichten.

Eröffnet worden war die Bürgerversammlung mit dem Thema Asyl. Werner Dippold von der AWO in Bamberg berichtete zusammen mit Rüdiger Gerst über die Situation in Kemmern. Dort sind zurzeit 26 Asylbewerber untergebracht, sie kommen aus Albanien, Armenien, Irak, Kosovo und Syrien. „Bislang sind keine Probleme aufgetreten, sie haben sich in Kemmern gut eingefügt“, meinte Gerst. Für Sonntag, 25. Oktober, lud er die Bevölkerung zu einem musikalischen Begegnungsfest im Pfarrheim ein. Dippold informierte über die allgemeine Situation im Landkreis Bamberg, wo sich die AWO momentan mit 30 Mitarbeitern um die Flüchtlinge kümmere. Auf das Thema „Privatverträge“ ging er auch kurz ein: Wer eine Unterkunft zur Verfügung stelle, erhalte dafür keine horrenden Gelder, sondern nur marktübliche Mieten. Durch mehrere Privatimmobilien habe es noch keine Zwangszuweisungen, etwa in Schulen, gegeben.

Wichtig sei es, so Dippold, die Bürger beim Thema Asyl mitzunehmen, alles transparent zu machen. Gerade hierfür war Dippold schon mehrfach kritisiert worden, unter anderem bei einer Gemeinderatssitzung in Zapfendorf, als es dort um die Einrichtung einer Unterkunft für unbegleitete Jugendliche ging.

 

Wie sieht die Strecke nach der Fertigstellung aus? Ein Video der Bahn zeigt dies ausführlich, neu: Mit Kommentaren.

Foto Bahnstrecke: DB Projektbau

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