Sagen und Legenden: Vom Glockengeläut mitten aus dem Wald

Veröffentlicht am 6. April 2017 von Johannes Michel
Logopädie Scheßlitz



1000 Jahre Kemmern – da lohnt es sich doch mal, in die Vergangenheit zu schauen. Denn rund um Kemmern gibt es Orte, die im Mittelalter oder schon lange davor wichtige Bedeutung hatten. Dazu gehört zum Beispiel die Helenenkapelle mit dem sie umgebenden Ringwall. Beim zweiten Themenabend in diesem Jahr stand sie daher im Mittelpunkt des Geschehens. Infos gab es außerdem über aktuelle Untersuchungen südöstlich von Kemmern.

Mit Grabungstechnikerin Britta Ziegler hatte sich Kemmern zum Themenabend eine echte Expertin für einen Vortrag eingeladen. Ihr Thema: „In guter Nachbarschaft – Mittelalterliche Herrschersitze und Dörfer vor den Toren Kemmerns“ sollte dann für etwas mehr als eine Stunde Einblicke in die Arbeit an historischen Orten geben. Den größten Teil nahm dabei die Helenenkapelle mit ihrem Ringwall ein, sie befindet sich im Wald westlich von Kemmern. Bereits Mitte der 1950er Jahre wurde der Bereich vermessen, seit Kurzem gibt es auch ein 3D-Modell, erstellt per Laserscan, sowie eine genauere Vermessung aus dem Jahr 2015.

Der Bereich um die Helenenkapelle fällt gleich unter zwei Denkmalarten: Die Kapelle selbst ist ein Baudenkmal, der Ringwall ein Bodendenkmal. Die Kapelle selbst lässt sich zeitlich noch einigermaßen einordnen: Die verwendeten Sandsteinquader zeigen Zangenlöcher, was beweist, dass hier Werkzeug zum Einsatz kam, das es so erst ab dem 14. Jahrhundert gab. Die erste urkundliche Erwähnung der Helenenkapelle datiert übrigens aus dem Jahr 1540 als Kapelle zu den „Elenden Heiligen“.

Auch der zweite Themenabend lockte viele Besucher ins Pfarrheim.

Die Helenenkapelle ist ein spannendes Forschungsobjekt.

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Welche Funktion hatte der Ringwall?

Noch spannender, wie Ziegler erklärte, ist die Geschichte des die Helenenkapelle umgegeben Ringwalls. Vergleichbare Fluchtburgen an anderen Orten stammen aus dem neunten bis zwölften Jahrhundert, die erste Bauphase des Walls könnte sogar aus dem achten oder neuen Jahrhundert sein. Das Problem: „Es gibt kein einschlägiges Fundgut, bisherige Funde sind verschollen.“ Ziegler rief daher die anwesenden Kemmerner dazu auf, vielleicht mal auf dem eigenen Dachboden nachzuschauen. „Vielleicht hat einer von Ihnen ja eine Kiste mit der Aufschrift ‚Helenenkapelle‘ irgendwo stehen“, meinte Ziegler augenzwinkernd. Die Funktion des Ringwalls könnte die Bewachung der nahen Fernstraße oder die Überwachung des Mains gewesen sein, ebenfalls ist eine Schutzfunktion für den Königshof Hallstadt denkbar, der 714 erstmals erwähnt wurde. Denkbar wäre sogar eine prähistorische Geschichte der Anlage – was sich aber aufgrund der fehlenden Funde nicht nachweisen lässt.

Wie geht es weiter in Sachen Helenenkapelle mit Ringwall? Genauere Untersuchungen der Innenfläche des Areals könnten auch heute noch den Standort von Gebäuden zeigen, von Ausgrabungen hingegen ist aufgrund der großen Dimension der Anlage abzuraten. Ziegler ließ auch die Sagen und Legenden um die Helenenkapelle nicht aus, etwa, dass Kemmerner zu Zeiten, als es längst keine Glocken mehr dort gab, Glockengeläut vernahmen oder dass Fabelwesen hier erschienen.

Untersuchungen auf einem Feld südöstlich von Kemmern

In den vergangenen Wochen dürfte vielen Kemmernern, aber auch Vorbeifahrenden auf der Bundesstraße, Aktivität südlich des Ortes aufgefallen sein. Dort war Britta Ziegler mit ihrem Team unterwegs und untersuchte die ehemalige Siedlung „Dertheim“. Sie wurde zuerst Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnt, es könnte sich um einen größeren Hof mit mehreren Häusern gehandelt haben. Zur Untersuchung wurden Feldbegehungen durchgeführt, dabei wurden Gefäßkeramiken, aber auch Ziegelfragmente und Reste von Fachwerk gefunden. Die Funde werden aktuell in eine Datenbank eingepflegt.

Vor den Toren Kemmerns wurde in den vergangenen Wochen eine ehemalige Siedlung genauer untersucht.

Der zweite Themenabend im Kemmerner Pfarrheim kam erneut gut an – es fanden sich nur noch einzelne freie Plätze. Britta Ziegler erhielt von Hans-Dieter Ruß als Dank für ihren Vortrag das Heft mit Kemmerner Geschichten („Mundart, Geschichte, Gedichte und Lieder“) und vom Publikum viel Applaus, da sie selbst komplexe technische Dinge in Sachen Grabungstechnik gut verständlich weitergegeben hatte.

 

Tipp zum Weiterlesen: Im vergangenen Jahr waren wir von Nachrichten am Ort im Rahmen einer Geocaching-Aktion auch an der Helenenkapelle unterwegs. Unser Artikel dazu: Raus in die Natur: Da gibt’s was zu finden!. Und für die Serie „Schätze in unseren Wäldern“ waren wir ebenfalls schon mal an der Helenenkapelle: Schätze in unseren Wäldern I: Die Kapelle der Elenden Heiligen.

2 Kommentare bisher. Haben Sie etwas dazu zu sagen?
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  1. Waltraud Ruß 7. April 2017 at 19:09 - Antworten

    Toller Vortrag, es war schon interessant zu hören, dass Kemmern für Ausgrabungen interessant ist und dass schon so lange Siedlungen in Kemmern waren.

  2. Pflaum Volker 9. April 2017 at 13:03 - Antworten

    Ein hochinteressanter Vortrag, der nicht nur historisches beleuchtete sondern auch Einblicke in die Arbeitsweise der Archäologen gewährte. Eine weitere erfolgreiche Veranstaltung im Rahmen des Jubiläums “ 1000 Jahre Kemmern“.

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