Zwischen Kontemplation und Adrenalin – zu Besuch bei den Sportfischern

Veröffentlicht am 2. August 2013 von Lena Thiem
Logopädie Scheßlitz



Jeder kennt das Idyll des schweigsamen Anglers: Er sitzt in Gedanken versunken an einem See oder Fluss, ab und an zupft etwas leicht an der Leine, aber so richtig beißen wollen die Fische nicht – gleichmütig nimmt es der Angler hin. Klischee oder Realität? Der Termin zum Nachtangeln auf Raubfische des Sportfischervereins Kemmern klingt nach Abenteuer und im Gegensatz zu den Raubfischen in dieser Nacht, habe ich gleich angebissen.

Also besuche ich die Jugendgruppe des Sportfischervereins Kemmern beim Nachtangeln. Erstes Abenteuer: Bei Nacht den Pfad finden zum Hüttsee, wie der Baggersee in Kemmern heißt. Dem matschigen Feldweg am Sportplatz vorbei folge ich durch die üppigen Sträucher und komme zur Fischerhütte. Nichts zu sehen bis auf die drei leuchtenden und sanft im Wind schaukelnden Knicklichter, die die Angelruten am Ufer des Sees markieren. Die Nachtangler sitzen gemütlich auf der Terrasse ihrer Fischerhütte, von Abenteuer keine Spur, es ist für alles gesorgt: Die Ruten sind je mit einer Art Bewegungsmelder versehen, die ein anhaltendes Piepen von sich geben würden, wenn sich was am Haken festbeißt. Ja, wenn …

Es kann dauern bis sich was regt, vielleicht beißt auch gar nichts, aber das stört Oliver, mit elf Jahren heute der jüngste Nachtangler, auch nicht. Während wir warten, erklärt er fachmännisch, dass es ja ganz unterschiedliche Köder gibt, mit denen man angelt, und zeigt die abenteuerlich aussehenden Exemplare. Sein Wissen hat Oliver hauptsächlich von Jugendleiter Erich Groh, der die Jugendgruppe betreut und den Jugendlichen zwischen acht und 18 Jahren die unterschiedlichste Angeltechniken und das entsprechende Materialwissen vermittelt. Dafür gibt es eigentlich monatlich einen Termin, was leider sehr wenige der insgesamt 22 Jugendlichen nutzen. Auch beim Nachtangeln besteht der „harte Kern“ aus Oliver und Christian (15 Jahre).

2013 Kemmern Sportfischer JugendtheorieJugendleiter Erich Groh vermittelt den jugendlichen Anglern das nötige Materialwissen.

Geduld ist aber nicht die einzige Tugend, die ein Angler mitbringen muss. „Es gibt bei uns Angler, die beobachten erst einmal eine Stunde den See und loten mit Rute und Leine aus, wo sich die Fische tummeln könnten. Jede Fischart hat ihre Zeit und mit jedem Hochwasser verändert sich der See. Man braucht schon auch viel Erfahrung und Wissen“, erzählt Georg Lückemeier, selbst ein passionierter „Schön-Wetter-Angler“. „Stressiger“ wird es beispielsweise beim Kunstköder-Angeln: Hier simuliert der Angler durch ständige Bewegungen des Blinkers als Köder einen verletzten Fisch und lockt damit den Raubfisch an. Eine sehr effiziente und schnelle Art – aber anstrengend.

Beobachten, ausprobieren, anbeißen

Die praktische Handhabung und verschiedenen Techniken lernt man nur durch Ausprobieren. „Als Jugendlicher darf ich noch gar nicht alleine angeln, ich muss immer einen Erwachsenen Angler fragen, ob er meinen Angelpaten macht, und er darf nicht ablehnen“. Das findet Oliver gut. Da kann er sich auch so manchen Rat holen und Kniffe und Tricks abschauen. Erst mit 18 Jahren, einem Angelschein und einer Gewässerkarte, darf man alleine angeln. Die Prüfung für den Angelschein umfasst einiges an theoretischem Wissen: Von der Geräte-, Fisch- und Gewässerkunde bis hin zu rechtlichen Aspekten und das fachgerechte Ausnehmen von Fischen.

2013 Kemmern Sportfischer JugendSchnupperangeln gibt es auch heuer wieder im Rahmen des Kemmerner Ferienprogramms. 

Der Fisch des Lebens

Für die Sportfischer gibt es immer wieder auch Wettkämpfe, bei der sie ihre Fänge vergleichen können. Dabei geht es meist weniger um die Anzahl, als um das Gewicht des Fanges. Ein ausgesprochen gutes Händchen beweist da zum Beispiel Christian, der sich auf große Hechte spezialisieren möchte. Der Ehrgeiz ist groß, einen immer kapitaleren Fang zu machen, als sein Jugendleiter.

Jugendleiter Erich Groh selbst angelt um des Angelns willen, für ihn ist es ein Ausgleich zum Beruf in der Natur. Die große Kunst und das Können zeigt sich natürlich erst so richtig, wenn man mit einer Angel, die eigentlich gar nicht dafür ausgelegt ist, zweieinhalb Stunden mit einem 37-Pfund-Karpfen ringt und ihn durch geschicktes Einholen und Lösen der Leine auch tatsächlich reinholt. „So einen Fang macht man nur einmal im Leben.“ Stolz glänzt in Erich Grohs Augen auf, als Georg Lückemeier die Geschichte erzählt. Anglerlatein? – Wohl kaum. Denn jeder kapitale Fang wird fotografiert und für die Nachwelt festgehalten.

Bild_02Max Hummels präsentiert stolz seinen Fang beim Jugendzeltlager 2012.

2013 Kemmern Sportfischer kapitale FängeErich Groh mit dem 37-Pfünder nach zweieinhalb Stunden Drill.

In den Erzählungen und Ausführungen zeigt sich die gesamte Faszination des Sportfischens: Die Kontemplation, die sofort umspringen kann in reinstes Adrenalin, wenn etwas Großes an der Leine reißt. Dann ist es mit Geduld und Spucke allerdings nicht getan: Gefühl, Wissen und Können und die richtige Ausrüstung, gepaart mit dem Ehrgeiz und der Ausdauer, den Fang zu landen – alles muss zusammenspielen.

Trotz verschieden ausgestatteter Ruten, Rollen, Leinen und Köder – in allen möglichen Formen, Farben und auch „unmöglichen“ Geschmacksrichtungen (von Thunfisch über Erdbeere bis Knoblauch) – kann man nie vorhersagen, ob ein Fisch beißen wird. Aber manchem Angler ist das auch gar nicht so wichtig. Dann steht der Sport im Hintergrund. Jeder im Verein angelt, wann er Lust und Zeit dazu hat. Oft trifft man sich spontan oder zufällig am See und angelt gemeinsam. Ob man beim Angeln redet oder nicht, ist den Fischen ziemlich gleich. Sie beißen, wann sie wollen – oder eben auch nicht …

Lena Thiem. Fotos: Georg Lückemeier, Sportfischerverein Kemmern

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