Blick über den Tellerrand: Sparen liegt im Trend

Veröffentlicht am 5. November 2012 von Johannes Michel

Blick über den Tellerrand. Mit diesem Artikel eröffnen wir eine neue Rubrik bei Nachrichten am Ort. Sie wird Themen beinhalten, die nicht vorwiegend etwas mit unserer fränkischen Region zu tun haben.

Den Anfang macht Kassel. Denn dort findet von Montag, 5. November bis Mittwoch, 7. November, der Deutsche Journalistentag 2012 statt. Johannes Michel nimmt daran als Delegierter für Bayern teil. Mit diesem Beitrag geht es ihm nicht primär um Berichterstattung, sondern um Aufklärung. Denn der Journalismus in unserem Land ist in keinem guten Zustand…

72.500 hauptberufliche Journalisten gibt es zurzeit in Deutschland, davon arbeiten 26.000 als Freiberufler – wie auch der Autor dieses Textes. Tendenz: Steigend. Denn die Festanstellung scheint im Journalismus auszusterben. Das ist an sich nicht der Untergang des Journalismus, auch wenn viele (zumeist jene noch festangestellten Journalisten) anderer Meinung sind. Schlimm hingegen ist, dass den freien Mitarbeitern, von denen die festangestellten Zeitungsredakteure ersetzt werden, kein angemessener Lohn gezahlt wird.

Obwohl bereits im Jahr 2010 für freie Journalisten die so genannten „Gemeinsamen Vergütungsregeln“ eingeführt wurden und die Verlegervereinigung dies mitgetragen hatte, gehen die Verlagshäuser in Deutschland zu großen Teilen einen anderen Weg und weigern sich, den freien Mitarbeitern diese Honorare zu zahlen. Konkret wären das etwa 50 Cent pro Zeitungszeile (die Vergütungsregeln beziehen sich auf Printmedien) für Nachrichten und Meldungen. Eine Zeitung mit einer Auflage von über 50.000 Exemplaren müsste etwa 65 Cent pro Zeile aufwenden. Höhere Honorare wären für Reportagen und Interviews fällig.


Drei Tage zum Diskutieren: Deutscher Journalistentag 2012 in Kassel.

Beginnen Sie einmal zu rechnen…

Die Realität sieht aber ganz anders aus. Honorare von zehn oder 20 Cent pro Zeile sind keine Seltenheit. Für einen Bericht aus einem Gemeinderat – zwei Stunden Sitzung, zwei Stunden Bearbeitung – fallen dann gut und gerne um die 20 Euro ab. Das macht einen Stundenlohn von fünf Euro – und das vielfach für Journalisten, die ein Studium und/oder eine zweijährige Ausbildung durchlaufen haben. Vor Gericht klagen können die freien Journalisten zwar schon, weitere Aufträge sind dann aber passé.

Aus diesem Grund sind die Gemeinsamen Vergütungsregeln auch immer wieder Thema bei den jährlichen Journalistentagen, zumal die Zahl der freien Journalisten immer weiter ansteigt. Momentan denkt die Augsburger Allgemeine Zeitung, die zur Mediengruppe Pressedruck gehört (auch die Würzburger Main Post ist Teil dieses Unternehmens), laut über einen Stellenabbau nach. 3,7 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden (zehn Millionen Euro im Gesamtkonzern), knapp 40 Redakteursstellen stehen zur Disposition. Die Folge: Verlagerung der Arbeit auf freie Mitarbeiter, die deutlich „billiger“ sind als ihre angestellten Kollegen. Klar, dass das auch zu internen Konflikten zwischen den Journalisten führt. Die einen möchten ihre Privilegien verteidigen, die anderen ihre finanzielle Situation verbessern.

Wie das Sie als Leser betrifft…

Jetzt könnten Sie sich fragen: Warum sollte das mich betreffen? Als Leser von Nachrichten am Ort gar nicht. Denn wir sind kein Großkonzern, der auf Biegen und Brechen hohe Gewinne abwerfen muss, um Anteilseigner, Aktionäre und Gesellschafter zu befriedigen. Journalismus ist uns etwas wert, und wir sind uns der Verantwortung als Medienschaffende bewusst.

Sehr wohl kommen Sie damit aber als Leser einer (regionalen) (Tages-)Zeitung in Berührung. Wundern Sie sich über weniger Artikel aus Ihrer Region? Über fehlerhafte Darstellungen? Über handwerkliche Fehler, über stilistisch schwache Texte? Dann sind auch Sie betroffen. Das liegt an den Sparmaßnahmen der Unternehmen und an den niedrigen Honoraren für die Mitarbeiter, die sich kaum noch die Zeit für eine vertiefte Einarbeitung in ein Thema nehmen können. Selbstverständlich wird sich auch bei Nachrichten am Ort hin und wieder ein Fehler einschleichen, wir stecken uns selbst aber hohe Standards und nehmen uns die Zeit für Recherchen und Nachfragen. Und: Wir setzen einen Großteil unserer Einnahmen, die wir durch Werbeanzeigen auf unserer Seite erzielen, direkt für eine hochwertige regionale Berichterstattung ein – für Sie!

Johannes Michel


Infos, soziale Netzwerke, eventuell ähnliche Beiträge und mehr:

Gerne können Sie hier Ihren Kommentar zum Artikel hinterlassen.


Bitte geben Sie Ihren richtigen Namen (kein Pseudonym) an, ansonsten können wir Ihren Kommentar nicht veröffentlichen.
Ist dies Ihr erster Kommentar, erfolgt vor der Freischaltung zunächst eine Prüfung.
Für den Inhalt von Kommentaren ist die Redaktion nicht verantwortlich.