Nicht zuschauen, sondern gewappnet sein: Demografischer Wandel trifft Oberfranken hart

Veröffentlicht am 16. April 2012 von Johannes Michel
Logopädie Scheßlitz



Suchen Sie doch einmal nach Politikerzitaten zum Thema „Demografiewandel“: „Kinder kriegen die Leute immer“ (Konrad Adenauer, 1957). „Ich kann den Jungen auch sagen, dass zukünftig jedes Jahr die Renten angehoben werden“ (Walter Riester, 2000). Adenauer konnte noch nichts von der heutigen Situation wissen, Riester hingegen beschönigte die Lage. Manchmal sind aber auch kritische Töne dabei: „Die Generation meiner Kinder hat dadurch, dass sie nur wenige Kinder hat, den Generationenvertrag längst aufgekündigt“ (Kurt Biedenkopf, 1996). Besonders stark wird in den kommenden Jahren der ländliche Raum von Überalterung und sinkenden Einwohnerzahlen betroffen sein. Wie sieht es in der Nachrichten-am-Ort-Region aus?

Wer die Internetseite des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung aufruft, um sich über die prognostizierte Bevölkerungsentwicklung für Freistaat, Regierungsbezirke, Landkreise, Städte und Gemeinden zu informieren, wird schnell von Zahlen erschlagen. Außerdem gibt es keine einheitliche Berechnungsmethode. So unterscheidet das Landesamt zum Beispiel zwischen Gemeinden unter und über 5.000 Einwohner und wendet verschiedene Modelle an. Während für kleine Gemeinden vier Methoden vorausberechnet werden, kommt bei größeren Gemeinden und Städten nur eine zur Anwendung.

Beim Wühlen durch den Zahlenberg lassen sich dennoch spannende Erkenntnisse gewinnen. Das Bundesland Bayern hat aktuell (2011) 12,56 Millionen Einwohner und wird bis zum Jahr 2030 stabil bleiben, berechnet sind 12,53 Millionen Einwohner. Interessanter ist daher der Blick auf die einzelnen Regierungsbezirke. Während Oberbayern fast sieben Prozent hinzugewinnen wird, verlieren alle anderen Regierungsbezirke zum Teil deutlich. Ganz weit vorne sind dabei Unterfranken (minus 5,8 Prozent) und Oberfranken (minus 10,2 Prozent).


Grafik: Nur der Süden Bayerns gewinnt hinzu (zum Vergrößern anklicken).

In Oberfranken sieht es nach den Berechnungen teilweise düster aus. Besonders die Landkreise Wunsiedel (minus 20,2 Prozent) und Hof (minus 19,2 Prozent) sind vom Bevölkerungsrückgang bis 2030 massiv betroffen. Der Landkreis Bamberg steht mit minus drei Prozent in Oberfranken am besten da, verliert aber immer noch etwa 5.000 seiner 144.000 Einwohner. Demgegenüber schrumpft der Landkreis Lichtenfels um elf Prozent. Positiv in Oberfranken entwickelt sich lediglich die Stadt Bamberg mit einem Plus von 1,9 Prozent.

In der Region: Breitengüßbach einziger Gewinner?

Im aktuellen Erscheinungsgebiet von Nachrichten am Ort ist Zapfendorf die einzige Gemeinde, die in den Statistiken vom Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung als Kommune mit über 5.000 Einwohnern auftaucht. Hier wird daher nur ein Berechnungsmodell angewendet, prognostiziert sind nach 5.020 Einwohnern (2012) in zehn Jahren 4.940, im Jahr 2029 nur noch 4.820 Einwohner. Berechnungsgrundlagen sind der Bevölkerungsstand zwischen 2003 und 2009 sowie die Geburten- und Sterberaten im gleichen Zeitraum sowie Wanderungsbewegungen (Zu- und Wegzüge) und der Anstieg der Lebenserwartung.

Für Baunach, Breitengüßbach, Kemmern und Rattelsdorf werden mehrere Modelle berechnet. Um die Vergleichbarkeit mit Zapfendorf zu gewährleisten, eignet sich am besten die Variante „konstante Trends“, die ähnlich wie bei Zapfendorf beschrieben funktioniert. Demnach verliert Baunach bis 2021 etwa 40 Einwohner (3.960 – 3.920), Breitengüßbach kann 70 hinzugewinnen und steigt in Sachen Einwohnerzahl von 4.680 auf 4.750. Hundert Einwohner weniger hingegen wird Kemmern haben (2.570 – 2.470). Und auch Rattelsdorf verliert deutlich, von 4.430 auf 4.230 Einwohner.


Die Einwohnerentwicklung in der
Nachrichten-am-Ort-Region (zum Vergrößern anklicken).

Weniger Kinder und Jugendliche: Weniger Schulen?

Mit den Schulverbünden und dem Zusammenschluss zu Mittelschulen sollte in den ländlichen Regionen das Schulsterben gemindert werden. Baunach, Breitengüßbach, Rattelsdorf und Zapfendorf haben daher einen Schulverbund gebildet. Nachdem in Rattelsdorf bereits der Bedarf für höhere Mittelschul-Klassen zurückgeht (siehe eigener Bericht), ist der demografische Wandel in den Gemeinden verstärkt zum Thema geworden.

Konkret sieht es nach den Berechnung folgendermaßen aus: In Baunach beträgt das Durchschnittsalter der Bürger in zehn Jahren 43,9 Jahre (heute 41,6), in Breitengüßbach 46,7 Jahre (heute 41,8) und in Kemmern 45,2 Jahre (heute 41,9). In Rattelsdorf sieht der Trend ähnlich aus wie in Baunach, das Durchschnittsalter liegt 2021 bei 44,6 Jahren (heute 41,2). Für Zapfendorf existiert die Vorausberechnung bereits bis 2029, dort steigt das Durchschnittsalter von heute 40,8 auf 46,5 Jahre.

Und noch einige Zahlen, die den demografischen Wandel und damit auch den Bedarf für Schulen etwas näher beleuchten. Bis 2021 werden in Baunach sieben Prozent weniger unter 18-Jährige leben als heute, in Breitengüßbach sind es 18,8 Prozent weniger. Auch für Kemmern sieht es ähnlich drastisch aus, dort wohnen 17,7 Prozent weniger unter 18-Jährige, in Rattelsdorf sogar 20,3 Prozent weniger. Für Zapfendorf geht die Berechnung bis 2029 von 24 Prozent weniger unter 18-Jährigen aus. Für den „Mittelschulverbund Oberes Maintal“ bedeutet dies stark sinkende Schülerzahlen, lediglich in Baunach fällt der Rückgang in den nächsten zehn Jahren nicht derart stark ins Gewicht.


Um so viel Prozentpunkte geht der Anteil der unter 18-Jährigen zurück (zum Vergrößern anklicken).

Die „regionalisierte Bevölkerungsberechnung für Bayern“, so die offizielle Bezeichnung der Erhebung, wurde zuletzt im November 2011 aktualisiert. Die genauen Daten können Sie jederzeit auf der Internetseite des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung abrufen.


Bayernkarte: Blau bedeutet: Sinkende Einwohnerzahlen (zum Vergrößern anklicken).

 

Kommentar: Jetzt handeln!

„Die Generation meiner Kinder hat dadurch, dass sie nur wenige Kinder hat, den Generationenvertrag längst aufgekündigt.“ Der in der Einleitung zitierte Satz von Kurt Biedenkopf bezog sich auf die Sicherheit der Rente, spiegelt aber auch das wohl größte Problem des demografischen Wandels wieder: Die niedrigen Geburtenzahlen. Für Oberfranken bedeutet dies in den kommenden Jahren verstärkt Diskussionen über Landkreisgrenzen, Schulen und Gemeindeleben.

Ist es noch sinnvoll, Landkreise mit unter 70.000 Einwohnern als eigenständige Kreise mit ihren zahlreichen Behörden zu erhalten? Dies träfe in spätestens 20 Jahren die Landkreise Kronach, Kulmbach, Lichtenfels und Wunsiedel. Oder: Lässt sich in jedem größeren Ort noch eine eigene Schule betreiben? Wie steht es um das Vereinsleben in den Orten? So mancher Verein hat massivste Nachwuchsprobleme, findet keinen Vorstand mehr. Die Jugendlichen und jungen Bürger von heute engagieren sich entgegen der landläufigen Meinung, aber wollen dies anders tun als früher. Und: Sie werden immer weniger. Auf sie zuzugehen wird die Devise sein, denn sie erben die Probleme von heute.

Die politisch Verantwortlichen wie Landräte, Bürgermeister, Gemeindeverwaltungen und Gemeinde- und Kreisräte sollten aber schon jetzt die Grundlagen schaffen und dabei, so schwer es auch fällt, altes Gepäck abwerfen. Gleiches gilt für die Vereine. Warum nicht mit dem Nachbarn fusionieren oder über neue Modelle eines Führungsteams nachdenken? Kreativität ist mehr denn je gefragt. Zugleich ist es wichtig, die Dörfer und Städte für ältere Bürger attraktiv zu machen – mit guter Nahversorgung, öffentlichen Verkehrsmitteln und sozialen, therapeutischen und nicht zuletzt ärztlichen Angeboten. Nicht für alles kann aber die Politik verantwortlich sein, es zählen auch das Engagement (lokaler) Unternehmer und der Mut, in der Heimat durchzustarten.

Johannes Michel. Daten: Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung. Grafiken: Nachrichten am Ort. Titelfoto: © Joerg Trampert / PIXELIO

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