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Über 80 Prozent heizen mit fossiler Energie. Förderchance fürs Quartier?

Im Titelbild: In der Bamberger Straße in Breitengüßbach steht Haus an Haus. Eine Chance für ein Wärmenetz?

Pfingstferien. Lediglich zehn Gemeinderatsmitglieder sind anwesend, als der Gemeinderat über ein Zukunftsprojekt abstimmt. Bürgermeisterin Sigrid Reinfelder sowie sechs Gemeinderäte fehlen entschuldigt, die Sitzung leitet der zweite Bürgermeister Stefan Schor. Eingeladen ist auch ein Fachreferent. Kann er die Zweifel, die in der konstituierenden Sitzung [6] aufgekommen waren, ausräumen?

Am 12. Mai hatte sich der neue Breitengüßbacher Gemeinderat konstituiert. Nach den dafür notwendigen Beschlüssen, der Wahl eines zweiten und dritten Bürgermeisters und der Besetzung der Ausschüsse hatte auch ein anderes Thema den Weg auf die Tagesordnung gefunden: das Quartierskonzept als Folge der kommunalen Wärmeplanung [7]. Nach intensiver Diskussion wurde vertagt – mit dem Wunsch, hier auch den neuen Gremiumsmitgliedern mehr Infos mitzugeben. Zur jüngsten Sitzung war nun mit Prof. Markus Brautsch vom Institut für Energietechnik IfE aus Amberg ein Fachmann anwesend, um das Projekt nochmals ausführlich vorzustellen und offene Fragen zu beantworten.

Das geplante Quartierskonzept inklusive Sanierungsmanagement (Förderprogramm nach KfW 432) soll die Ortsmitte mit rund 520 Haushalten, einem hauptsächlichen Gebäudebestand aus den Jahren 1945 bis 1980 und einem Anteil von 81 Prozent fossiler Energien bei der Wärmeversorgung in den Blick nehmen und aufzeigen, welche Möglichkeiten für eine zukunftsfähige und wirtschaftliche Energieversorgung bestehen. Grundlage dafür ist die bereits abgeschlossene kommunale Wärmeplanung, die insbesondere in Teilen der Bamberger Straße Potenziale für ein mögliches Wärmenetz erkannt hatte. Das nun diskutierte Konzept sollte diese Erkenntnisse vertiefen und konkrete Handlungsmöglichkeiten entwickeln, auch, weil in der Bamberger Straße ohnehin in den nächsten Jahren die Sanierung der Straße ansteht und damit eine Baustelle eingerichtet werden muss. „In der Wärmeplanung war bereits beschlossen, dass das Gebiet genauer betrachtet wird, nun ist dies aber zu einem noch höheren Fördersatz, 75 statt 50 Prozent, möglich“, so Brautsch.

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Die Karte des bestehenden Wärmenetzes (blau) und eines möglichen in der Bamberger Straße und der Ortsmitte (hellgrün) wurde bereits im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung im Gemeinderat gezeigt. Quelle: Iris Schmidt, IfE

Untersuchung würde zeigen, was Sinn macht

Brautsch betonte auch, dass es sich ausdrücklich nicht um eine theoretische Studie handle, die später in einer Schublade verschwinde. Ziel sei vielmehr eine konkrete Entscheidungs- und Planungsgrundlage für die kommenden Jahre. Untersucht werden sollen unter anderem mögliche Wärmenetze, Sanierungspotenziale von Gebäuden, Energieeinsparungen sowie die Nutzung erneuerbarer Energien wie Biomasse, Erdwärme, Solarthermie oder Flusswasserwärmepumpen. Auch Themen wie Ladeinfrastruktur für Elektroautos, Starkregenrisiken oder die Hitzeentwicklung im Quartier sollen berücksichtigt werden. „Die kommunale Wärmeplanung reicht dafür nicht aus, sie zeigt nur, wo grundsätzlich Handlungsbedarf besteht, offen bleibt aber, welche Lösungen konkret funktionieren und welche Maßnahmen wirtschaftlich realistisch sind.“

Besonders hob der Referent hervor, dass das Konzept den Eigentümerinnen und Eigentümern kostenlose Entscheidungsgrundlagen liefern könne. Anders als bei einer klassischen Energieberatung würden dabei nicht nur einzelne Häuser betrachtet, sondern auch quartiersbezogene Lösungen wie Wärmenetze oder gemeinsame Infrastrukturmaßnahmen. „Wir stochern nicht einfach im Nebel herum“, erklärte Brautsch mit Blick auf die bereits vorliegenden Daten aus der kommunalen Wärmeplanung.

Gut, aber hier nicht geeignet?

Geschäftsstellenleiter Stefan Neubauer erläuterte die Sicht der Gemeindeverwaltung. Es liege für das Projekt bereits seit Februar ein Zuwendungsbescheid vor, mit einer Förderquote von 75 Prozent. Insgesamt sei mit Gesamtkosten von rund 568.500 Euro zu rechnen, wobei sowohl die Konzepterstellung als auch ein begleitendes Sanierungsmanagement für fünf Jahre gefördert werden. Schor wies darauf hin, dass das Förderprogramm zwischenzeitlich ausgelaufen sei, Breitengüßbach aufgrund des bereits vorliegenden Bewilligungsbescheids die Fördermittel aber trotzdem erhalten würde.

Nach Brautschs Vortrag blieben jedoch erhebliche Bedenken im Gremium bestehen. Peter Förner (FWZ) fragte nach Erfahrungen mit vergleichbaren Projekten in ähnlichen Ortsstrukturen. Tina Povrzan (CSU) äußerte Zweifel daran, ob sich überhaupt genügend Bürgerinnen und Bürger an ein mögliches Wärmenetz anschließen würden. Zudem seien die Kosten für Fernwärme zuletzt deutlich gestiegen. Das Programm an sich bezeichnete sie als gut, aus ihrer Sicht sei es aber für den in Breitengüßbach gedachten Bereich nicht geeignet. „Wir versuchen hier ein Problem zu lösen, das es gar nicht gibt.“ Auch Bernhard Milsch (FWZ) zeigte sich skeptisch. Das Gebiet sei für ein solches Projekt zu weitläufig und nicht mit dichter bebauten Wohnsiedlungen, etwa aus Hochhäusern bestehend, vergleichbar. Zudem gebe es viele ältere Eigentümer, die größere Investitionen kaum noch stemmen könnten. Mehr als zwei oder drei größere Haussanierungen pro Jahr halte er in diesem Bereich nicht für realistisch.

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Prof. Brautsch entgegnete auf Milschs Kritik, dass eine solche Aussage das Quartier rund um die Bamberger Straße faktisch aufgebe. Auch Alexander Porst (SPD) widersprach deutlich. Er zeigte sich irritiert über die kritische Diskussion und bezeichnete das Förderprogramm als große Chance für die Bürgerinnen und Bürger. Andere Gemeinden wären froh, wenn sie ein derart umfangreich gefördertes Konzept für ihre Ortsmitte erhalten könnten. Auch aus der Verwaltung kam Unterstützung für das Projekt. Neubauer verwies darauf, dass Breitengüßbach bereits mehrfach von Förderprogrammen profitiert habe – etwa beim ISEK oder der kommunalen Wärmeplanung, die vollständig kostenneutral für die Gemeinde gewesen sei. Das Quartierskonzept könne nun eine wichtige Grundlage für Eigentümerinnen und Eigentümer liefern, um künftige Entscheidungen fundierter treffen zu können.

Mehrfach wurde während der Diskussion betont, dass niemand zu bestimmten Maßnahmen gezwungen werden könne. Sollten die Untersuchungen etwa ergeben, dass ein Wärmenetz Sinn mache, wäre der Anschluss daran natürlich freiwillig. Brautsch verwies darauf, dass mögliche Verpflichtungen ohnehin nur aus übergeordneten gesetzlichen Regelungen von Bund oder EU entstehen könnten, nicht jedoch durch das Quartierskonzept selbst.

Patt bei der Abstimmung

Letztlich überwogen im Gremium dennoch die Zweifel. Bei der Abstimmung ergab sich ein Patt von fünf zu fünf Stimmen. Damit gilt der Beschlussvorschlag als abgelehnt. Die Gemeinde verzichtet damit nicht nur auf ein umfangreich gefördertes Entwicklungskonzept für die Ortsmitte, sondern auch auf die Möglichkeit, den Bürgerinnen und Bürgern über mehrere Jahre hinweg professionelle Begleitung und konkrete Entscheidungsgrundlagen für energetische Sanierungen und künftige Wärmeversorgung bereitzustellen.