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Colloquium Historicum Wirsbergense besuchte die alte Synagoge

Im Titelbild: Die Zeichnungen des verformungsgerechten Aufmaßes aus dem Jahr 2001 wurden vom Urheber, Bauforscher und Denkmalpfleger Hans-Christof Haas den Zuhörern näher erörtert.

Nach mehrere Anläufen sei es endlich gelungen, Hans-Christof Haas, den Referent für „Jüdisches Erbe“ im Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege als Führer des CHW in der ehemaligen Synagoge gewinnen zu können, so begrüßte dessen 1. Vorsitzender, Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold die zur Exkursion gekommenen Gästen. Er sei DER Experte für „fränkischen Landsynagogen des 18. Jahrhunderts“ schlechthin.

Der Wissenschaftler selbst erinnerte sich sichtlich gerne an die Zeit vor 25 Jahren, als hier am Ort seine Laufbahn als Bauforscher und Denkmalpfleger begann. Es galt damals, für das gleichnamige Aufbaustudium an der Universität Bamberg unter Professor Manfred Schuller ein verformungsgerechtes Aufmaß von diesem Gebäude anzufertigen. Und es sei faszinierend gewesen, wie die ganze Nutzungsgeschichte des Gebäudes an dem Dachwerk und den Wänden abzulesen war.

Die dendrochronologische Untersuchung des Dachstuhl-Gebälks führte in die Zeit des Neubaus, Fälldatum der Hölzer: 1727. Eine Putzkante unter dem Dach an den Giebelwänden erklärte die Abänderung des Deckengewölbes von einer Tonne als Klammer über den Hauptraum und der Frauenempore zu einem Korbbogen für den Saal und einer Flachdecke für das Frauenabteil. „1738 ist das passiert, so wird es in der Chronik über die Geschichte der Reckendorfer Juden von Seligmann Pfeifer überliefert“, zitierte Haas. Dieser Umbau war durch technische Mängel der Baukonstruktion notwendig geworden. Das Gewicht der Dachhaut drückte die Außenwände nach außen.

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Der Referent Hans-Christof Haas erklärt den CHW-Exkursions-Teilnehmern, wie der Vorbau einst an der Westfassade angebracht war.

Eine weitere Veränderung erfolgte 1851, als die Reckendorfer jüdische Gemeinde vom orthodoxen Glauben in eine progressive, liberale Haltung wechselte. Das Fußbodenniveau, welches dem jüdischen Ritus nach drei Stufen nach unten geführt hatte, gemäß dem Psalm 130: „Aus der Tiefe Herr rufe ich zu Dir …“, wurde auf die Höhe der Eingangstür ausgeglichen. Als Füllmaterial benutzte man die Fragmente der vorher abgebrochenen, aus Sandsteinen gefertigten barocken Redekanzel (Bima). Ab dieser Zeit wurden die Lieder auch auf Deutsch gesungen, so berichtet es die Nachricht über die Wiedereröffnung.

In der Pogromnacht, d.h. in Reckendorf am Morgen des 10. Novembers 1938, mussten die verbliebenen jüdischen Familien auf Befehl der SA die Inneneinrichtung selbst demontieren, sie wurde auf den Sportplatz gebracht und dort verbrannt. Dass das Gebäude nicht ein Raub der Flammen wurde, wie andernorts, ist den Nachbarn zu verdanken, die aufgrund der Nähe ihrer Häuser zur Synagoge, darum baten, von einem Abbrennen abzusehen. Es folgte nach der Schändung die Nutzung als Gefangenenlager, Fabrik für Elektro- und Kriegstechnik, Herde und schließlich Schuhfabrik, bis es dann der Schlossbrauerei als Lagergebäude diente.

Hans-Christof Haas zeigte den Interessierten auch seine Original-Zeichnungen von 2001, mit denen er seine Erzählung untermauerte. Im Außenbereich wies er auf die Details hin, die an die frühere Nutzung zum Gottesdienst nötig waren: das runde Misrachfenster und der darunter liegende Vorbau des Toraschreins (Aron ha-Kodesch) im Osten, die Reste des Hochzeitssteins und anhand von Fotos und einer Zeichnung den dort noch 1945/46 existierenden Vorbau (Pallisch) an der Westseite. Auch vom Innenraum sei in einem Kalifornischen Archiv ein Foto aus der Zeit um 1900 erhalten. Seit 1910 fanden keine Gottesdienste mehr statt, da die erforderliche Zehn-Zahl der jüdischen Männer nicht mehr erfüllt war. Man ging zum Gottesdienst nach Bamberg.

Nach den Ausführungen bestand die Möglichkeit in der ehemaligen Frauenempore die Ausstellung über die Genisa der ehemaligen jüdischen Gemeinde zu besichtigen. Dabei handelte es sich um alles, was den Gläubigen bis 1938 heilig war. Die Objekte, wie Tora-Wimpel (Mappah), Gebetsbücher, Gebetsriemen u.v.m., wurden ursprünglich in die Gewölbezwickel unter dem Dach abgelegt.

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Die Reckendorfer Genisa ist von der Masse her die bisher größte bekannteste ihrer Art in Franken. Auch das älteste Stück, welches sich derzeit im Jüdischen Museum Franken Fürth befindet, und mittlerweile in das 13. Jahrhundert zu datieren ist, stammt aus ihr. Da jeder, der nach der Schändung in der Synagoge gearbeitet hatte, seinen Müll auf dem Dachboden abgelagert hatte, konnte die Nachnutzung hervorragend dokumentiert werden, was auch in einer Ausstellungsvitrine zu sehen ist. Eine jüdische, wohl aus dem 19. Jahrhundert stammende Kinderhose, die in der Genisa gefunden worden war, konnte 2018 als eine der 100 bayerischen „Heimatschätze“ ausgezeichnet werden.

Im Anschluss an die Veranstaltung konnte bei der Ersten Bürgermeisterin Clarissa Schmitt die Chronik über die Gemeinde Reckendorf erworben werden, in der Hans-Christof Haas einen Beitrag über seine 2001 erfolgte Dokumentationsarbeit und die Baugeschichte der Synagoge veröffentlicht hatte.

Die Genisa-Ausstellung (Adresse: Ahornweg 2, 96182 Reckendorf) ist jeden 1. Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr zur Besichtigung geöffnet. Der Zugang in das Obergeschoss ist mittels Treppenlift barrierefrei.