Verena Luche: Hallstadt muss Mut beweisen

Veröffentlicht am 19. Februar 2020 von Johannes Michel

An der finanziellen Situation der Stadt Hallstadt gibt es nichts zu mäkeln, dennoch sieht Verena Luche, die sich für die Grünen als Bürgermeisterin bewirbt, aktuell einen Stillstand der sich rächen könnte. Über ihre Visionen und ein Hallstadt als möglichen Vorreiter in Sachen Klimaschutz spricht sie im Interview mit Nachrichten am Ort.

Seit sechs Jahren ist Thomas Söder von der CSU Bürgermeister der Stadt Hallstadt. Wenn Sie ein wenig zurückschauen: War es eine erfolgreiche Zeit für Hallstadt?

Mit dem reinen Blick auf die finanzielle Situation ein absolutes Ja. Die Automobilindustrie hatte gute Jahre und auch der Hafen expandierte. Viele Projekte, die schon angedacht waren, gingen mit einer gut ausgestatteten Haushaltskasse in die Umsetzungsphase. Neue Impulse aber waren leider Fehlanzeige. Auch das weitere Aussterben der Stadtmitte wurde fahrlässig in Kauf genommen. Dieser Stillstand wird sich hoffentlich nicht rächen, denn vor allem mit der Aufgabe von Michelin kommen erstmalig wirkliche Herausforderungen auf uns zu. Man wird wohl erst später beurteilen können, welche Auswirkungen dieser sechsjährige Stillstand haben wird.

Was hat Sie bewogen, sich am 15. März zur Wahl zu stellen?

Es fehlt in Hallstadt definitiv an echter Lebensqualität, hier müssen dringend neue Ideen und zukunftsfähige Konzepte her. Ich möchte Politik mitgestalten und mit anpacken, wenn Hallstadt aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Aktiv Klimaschutz betreiben für meine Kinder und eine lebenswerte Zukunft!

Haben Sie schon Erfahrung auf kommunalpolitischer Ebene oder in einem anderen Gremium?

Nein. Und umso mehr ich in der kurzen Zeit hinwachsen durfte, möchte ich sagen: Gut so! Zu offensichtlich scheint es mir, dass es vielen Politikern mehr um sich selbst als um die Sache geht. Unsere Devise ist bewusst: „Wir werden Bürgermeister*innen.“ Wir als Team wollen wirken, etwas bewegen und für unsere Überzeugungen handeln. Die Zeit ist vorbei, um nur zu verwalten. Und ja – ich möchte führen, aber als Team gemeinsam handeln.

Was sind die Herausforderungen in nächster Zeit für Hallstadt?

Spürbare Verbesserung der Lebensqualität, ein kompetentes umfassendes Begrünungskonzept des gesamten Stadtgebietes, einschließlich des Laubangers, Ansiedelung innovativer Branchen und damit Schaffung von nachhaltigen Arbeitsplätzen, bezahlbares und zugleich nachhaltiges Wohnen. An vorderster Stelle sehen wir die Belebung des Stadtzentrums, die Umsetzung des Klimaschutzes mit großem Sachverstand zum Nutzen aller und ein kompetentes Verkehrskonzept mit einem intensiven Ausbau des Fahrradwegenetzes sicher und barrierefrei durch Hallstadt.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Stärken und Schwächen der Stadt?

Hallstadt ist seit Jahrzehnten als Wirtschaftsstandort begünstigt und kann auf hohe Steuereinnahmen bauen. Entsprechend ist Hallstadt beispielsweise hinsichtlich der sozialen Einrichtungen, dem Freibad und der neuen Feuerwehr gut aufgestellt. Der Main und der Naturpark Hassberge mit dem Kreuzberg bieten ein großes noch brach liegendes Potenzial für die Naherholung. In einem anderen Licht zeigt sich die Lebendigkeit der Ortsmitte. Und ich befürchte, dass auch neue Bauprojekte – beispielsweise der Stadtpark – aufgrund von Fehlplanungen keine ausreichenden Impulse geben werden. Hier muss endlich eine hohe Aufenthaltsqualität neu gedacht und entwickelt werden.

Verena Luche

Was wären, sollten Sie die Wahl gewinnen, Ihre „Herzensprojekte“ der Zukunft?

Hallstadt hat den wiederholten Antrag auf die Ausrufung des Klimanotstandes nicht angenommen mit der heiklen Begründung: „Wir tun ja schon so viel“. Das ist ein Armutszeugnis für eine so reiche Stadt. Ich werde mich dafür stark machen, dass wir Vorreiter für gelungenen Wandel werden und anderen zeigen, dass (wie) es funktioniert! Hallstadt als Klimahauptstadt Oberfrankens!

Hallstadt investiert viel. Projekte der vergangenen Jahre sowie laufende Projekte waren und sind die Marktscheune mit Kulturboden, der Neubau der Feuerwehr, die Rathaussanierung, Sanierungen und Erweiterungen von Kindertagesstätten, die Innenstadtsanierung rund um Marktplatz und Lichtenfelser Straße – und das ist nur eine Auswahl. Übernimmt sich Hallstadt damit nicht?

Die Frage ist immer, ob mit dem gleichen finanziellen Einsatz vielleicht ein wesentlich optimaleres Ergebnis hätte erzielt werden können. Der finanzielle Einsatz ist hoch, aber warum müssen in Anbetracht fallender Gewerbesteuereinnahmen Zuschüsse im Kitabereich oder Freibadzuschüsse in Frage gestellt werden, warum gibt es keinen großen Abenteuerspielplatz oder ein funktionierendes Innenstadtkonzept? Meiner Meinung nach wäre an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Bescheidenheit angebracht gewesen. Der Marktplatz und der Stadtpark sind aus unserer Sicht gestalterisch als auch funktional weit unter den eigentlichen Möglichkeiten geblieben – ein echter Mehrwert für Hallstadt? Außer schönem Pflaster – Fehlanzeige.

Will sagen – ohne ein wirklich visionäres Ziel davon, wie eine Stadt in zehn Jahren aussehen soll, kann man nicht mit Einzelprojekten starten. Nur mit einem klaren Ziel und einem zukunftsorientierten Gesamtkonzept kann Hallstadt aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werden – zugunsten echter Lebensqualität für alle. Das ist aus unserer Sicht gut eingesetztes Geld.

Die Innenstadtsanierung sorgte vielfach für Diskussionen aufgrund der langen Sperrungen. Auch Geschäftsleute beschwerten sich über ausbleibende Kunden. Ist da möglicherweise etwas falsch gelaufen? Hätte man etwas besser machen können? Oder musste und muss diese Kröte geschluckt werden, wenn die Bauzeit nicht noch länger ausfallen soll?

Für die Abwicklung von Bauprojekten gilt die 80/20 Regel – aus meiner Sicht ist nicht genügend Kapazität in die Vorbereitung und vor allem in die Bauleitung gesteckt worden. Das rächt sich schlichtweg bei der Durchführung, führt zu unnötigen Verzögerungen und durch ein fehlendes Umleitungskonzept zu Sicherheitsrisiken. Der Unmut der Bevölkerung und der Geschäftsleute ist verständlich. Intensive, manchmal auch täglich wechselnde Information über die Abwicklung der Baustelle ist unter Umständen aufwändig, aber in so einem Fall unerlässlich! Die Akzeptanz der Notwendigkeit für das Projekt ist ja gegeben, der Nutzen für alle klar erkennbar, warum also Geld an der falschen Stelle sparen und den Hallstadtern die professionelle Abwicklung nicht gönnen? Die Information darüber, wie lange das Projekt noch andauern wird, gibt es nicht, keiner weiß, wie lange wir alle noch durchhalten müssen. Als Stadtoberhaupt muss ich motivieren und positive Signale geben – das hat nicht geklappt.

Vor zwei Jahren fand in Hallstadt ein Bürgerentscheid zum Thema Schule Dörfleins statt. Ergebnis: Das Schulhaus in Dörfleins hat keine Zukunft. Hat diese Debatte Hallstadt und Dörfleins geeint oder entzweit?

Ich finde es grundsätzlich unglaublich schade, dass diese Debatte oft mehr Raum einnimmt, als die Diskussion über die Zukunft unserer Kinder – egal, wo Sie in die Schule gehen. Die Aufgabe des nächsten Bürgermeisters oder der nächsten Bürgermeisterin wird sein, in Hallstadt und Dörfleins die Grundlagen dafür zu schaffen, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Der Streit um die Schule Hallstadt und Dörfleins war eher trennend!

Noch recht neu für Hallstadt ist das Thema „Umbruch in der Automobilindustrie“. Was kann und muss die Stadt tun, um hier nicht in großem Stil wichtige Gewerbesteuereinnahmen einzubüßen?

Wir müssen einen neuen Denkansatz finden. Lebensqualität und eine zielführende Vision für Hallstadt müssen zukünftig im Fokus stehen, nicht Steuereinnahmen auf Biegen und Brechen. Als denkbarer Vorreiter für Klimaschutz würden sich neue Chancen ergeben. Freude und Leidenschaft führt zu Erfolg – Erfolg führt zu Steuereinnahmen.

Im Stadtrat wurde immer wieder einmal die Transparenz angesprochen. Blieben manchmal bewusst Informationen aus – oder wird das Thema instrumentalisiert?

Parteiübergreifend sitzen wir im Stadtrat in einem Boot. Hier sollte es nur um die Sache gehen. Da ich nicht im Stadtrat bin, kann ich nur auf Meinungen zurückgreifen. Ich finde es grundsätzlich schwierig, wenn Grundlagen des menschlichen Miteinanders gerade in der Politik ausbleiben. Transparenz und Ehrlichkeit stehen da natürlich ganz oben auf der Liste! Unser gesamtes Team freut sich darauf, in Hallstadt auch diesbezüglich etwas zu verändern! Wertschätzung ist die Grundlage guter Politik, denn nur dann können gemeinsame Ziele gefunden und mit vereinten Kräften vorangetrieben werden.

Neben Ihnen stellen sich noch weitere Kandidaten zur Wahl. Ganz konkret: Warum sollten die Bürger Ihnen ihre Stimme geben?

Ich liebe Menschen und freue mich darauf, in einem starken Team kreative Ideen für Hallstadt zu entwickeln. Ich habe eine Vision davon, wie Hallstadt in zehn Jahren aussehen kann: Eine wiedererwachte, charmante Kleinstadt mit echter Lebensqualität, eine Stadt, die Mut bewiesen hat.

Eine persönliche Frage noch zum Schluss: Was gefällt Ihnen an Hallstadt besonders? Haben Sie einen Lieblingsplatz?

Definitiv die Mainauen, ein wunderbarer Ort, um aufzutanken. Aber auch der Marktplatz mit diesen wunderschönen alten Häusern voller Geschichte – zu gerne würde ich hier eines Tages vor einem gemütlichen Cafe sitzen und an einem lauen Sommerabend mit Freunden ein Glas Rotwein trinken.

Verena Luche, 40 Jahre, drei Kinder in einer Patchworkfamilie, lebt seit neun Jahren in Hallstadt, ist Landschaftsarchitektin, stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende der Hans-Schüller-Schule Hallstadt. Bei der Kommunalwahl bewirbt sie sich auch als Kreisrätin für den Kreistag des Landkreises Bamberg. „In der Freizeit liebe ich, unseren Garten zu gestalten, den Sommer, die Zeit mit unseren Kindern und in der Natur beim Radfahren oder Wandern zu verbringen. Außerdem genieße ich gerne die fränkische Lebensart und treffe mich unglaublich gerne mit Freunden.“

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