Gastbeitrag: Persönliche Stellungnahme zur Bürgerversammlung Reckendorf

Am 2. Dezember hatte Bürgermeister Manfred Deinlein zur jährlichen Bürgerversammlung ins Haus der Kultur eingeladen. Zur gewohnten Versammlung kam es allerdings nicht. Nachrichten-am-Ort-Mitarbeiterin Adelheid Waschka schildert die Situation aus ihrer Sicht. Da es sich um eine persönliche Stellungnahme handelt, veröffentlicht Nachrichten am Ort diese als Gastbeitrag.

Während seiner fast dreihundertjährigen Geschichte hatte es schon viel mitansehen müssen, das ehrwürdige Gemäuer der ehemaligen Synagoge in Reckendorf: Der Anschlag der Verordnung als die Herrschaft derer von Greiffenclau als Lehnsherren im September 1803 kurfürstlich-bayerisch wurde, eine fortschrittliche Gesinnung, als der neu gebildete jüdische Chor zur Wiedereinweihung Ende September 1851 deutsches Liedgut einstudiert hatte, und die schändlichen Taten am Morgen des 10. November 1938, als die Inneneinrichtung des Gotteshauses von den Juden selbst zerschlagen werden musste und anschließend auf dem Sportplatz verbrannt wurde.

Es sollte eine Bürgerversammlung veranstaltet werden, so lautete die amtliche Bekanntmachung im Mitteilungsblatt der VG Baunach für die Gemeinde Reckendorf. Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD) hatte „im Sinne des Art. 18 BayGO“ vor, so die angekündigte Tagesordnung, seinen Bericht abzugeben (Punkt 1) und eine allgemeine Aussprache anzubieten (Punkt 2). Da es sich um eine öffentliche Veranstaltung handelte, war es nur legitim, dass die regionale Presse eine Berichterstatterin in die Synagoge nach Reckendorf entsandte.

Verhältnismäßig groß war die Verwunderung der Reporterin, als sie im Saal vom Gemeindeoberhaupt mit den Worten begrüßt wurde, sie dürfe hier nicht sein, da sie keine Reckendorfer Bürgerin wäre. In dieser Veranstaltung seien nämlich ausdrücklich nur diese zugelassen. Als sich die Angesprochene auf die ihr gestellte Aufgabe als Berichterstatterin für die Presse bezog, wollte der Hausherr einen Presseausweis sehen. Ein solcher ist in der Regel nur den Mitgliedern des Bayerischen Journalisten-Verbandes (BJV) vorbehalten, der sich überwiegend um die Interessen von professionellen Journalisten kümmert, weniger um diejenige von Freien Mitarbeitern.

Die E-Mail, welche eine Lokalredakteurin der Neuen Presse mit der Beauftragung ausgestellt hatte, war für den Bürgermeister nicht ausreichend: „Diese könne gefälscht sein!“ Als Hausherr stellte er das Ultimatum, wenn die Person nicht gehen würde, müsse er die Polizei rufen. Die Reporterin bezog sich auf die Pressefreiheit und das Bayerische Pressegesetz und blieb sitzen.

Während des Telefonats von Bürgermeister Deinlein mit der Polizeiinspektion Bamberg Land wurde ein „Störer“ gemeldet.

Als um 19 Uhr die aufgrund der Corona-Maßnahmen reduzierten Plätze mit Bürgern und Gemeinderäten gut besetzt waren, verkündete Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD), er müsse mit dem Beginn der Bürgerversammlung noch warten, bis die Polizei käme, um eine Nicht-Reckendorfer-Bürgerin zu entfernen. Als ein Nachzügler zehn Minuten später nachfragte, wann denn die Veranstaltung endlich beginnen würde, konstatierte der Bürgermeister: „Die Bürgerversammlung ist für alle Personen, die im Ort wohnen. Es ist momentan jemand im Raum, der nicht hier wohnt und behauptet, von der Presse beauftragt worden zu sein – aber einen Presseausweis habe sie nicht“. Er habe Strafanzeige erstattet wegen Hausfriedensbruch, die Polizei sei schon unterwegs; wenn die Frau gegangen sei, könne er anfangen.

So dauerte es eine gute halbe Stunde, bis die beiden Polizeibeamten eintrafen und sich den „Störer“ zeigen ließen. Davon, dass die Besucherin von der Presse sei und es sich um eine öffentliche Veranstaltung handelt, war in dem Anruf des Bürgermeisters nicht die Rede gewesen, meinte der eine Polizist zum Publikum. Die ihm am nächsten sitzenden Gemeinderäte, Clarissa Schmitt (CSU) und Gerhard Pförtsch (CSU) bestätigten, dass Frau Waschka schon seit langer Zeit aus den Gemeinderatssitzungen berichten würde, und die Reporterin fügte hinzu, dass Bürgermeister Deinlein sie selbst vor zwei Jahren gebeten habe, die Berichterstattung für seine Gemeinde zu übernehmen.

Nach Prüfung der Details, Übergabe der Auftrags-E-Mail der Reporterin an die Polizeibeamten und telefonischer Rücksprache mit dem diensthabenden Vorgesetzten fragte man den Hausherren, ob er bei seiner Strafanzeige bleiben wolle. Er bejahte dies, so dass trotz gutem Zureden von Schmitt und Pförtsch die Personalien der Beteiligten für die Anzeige aufgenommen wurden.

Schließlich erbat sich Gemeinderat Bernhard Müller (SPD) das Wort: Er werde sich selbst in den Weg stellen, wenn versucht werde, diese Person aus dem Raum zu entfernen, so etwas hätte es in Reckendorf noch nie gegeben, seit er als Dienstältester hier im Gemeinderat tätig sei, und so etwas dürfe es nicht geben.

Davon hatten aber die Beamten schon im Vorfeld aufgrund der Beweislage abgesehen. Sie erinnerten alle Anwesenden daran, sie hätten sich als Zeugen bereit zu halten, und gingen.

Im Anschluss daran entband sich Bürgermeister Deinlein von seiner Pflicht und begrüßte die Anwesenden zu der verhinderten Bürgerversammlung, denn da sich Störer hier befänden, könne er unter diesen Umständen keine ordentliche Bürgerversammlung abhalten.

Sodann erinnerte Bürgermeister Deinlein an das „Jüdische Jahr“, an dem die Gemeinde 2021 teilnehmen möchte. Mit Blick auf den neben sich sitzenden Gast Professor Dr. Andreas Dornheim stellte Bürgermeister Deinlein den Wissenschaftler vor, der vom Gemeinderat Mitte Oktober beauftragt worden war, sowohl das Projekt „Juden in Reckendorf“ für 2021 durchzuführen, als auch aus Synergieeffekt die Fortsetzung der Chronik über die Geschichte von Reckendorf abzufassen. Es folgte dessen Lebenslauf, wie ihn der Bürgermeister dem Gemeinderat bereits in der letzten Sitzung vorgetragen hatte.

Für das Jubiläum habe sich die Gemeinde mit einer Ausstellung und einer Dokumentation beworben, es sei auch eine Empfehlung vom Verein „1700 Jahre Jüdisches Leben“ an das Kultusministerium erfolgt, was der Professor im Folgenden selbst vorstellen sollte.

Zunächst ging er auf die Nachrufe von verstorbenen Beamten ein, welche ihm Ministerin Renate Künast (Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz von 2001–2005) in 62 Lebensläufen zur Untersuchung in Auftrag gab, nämlich „was diese in der NS-Zeit gemacht haben“, was im sogenannten „Schwarzbuch“ zusammengefasst ist. Mittlerweile sei jenes für die Presse einsehbar. Eine zugehörige Publikation „Beamte, Adjutanten und Funktionäre“ wird schließlich im Jahr 2021 erscheinen.

2012 – zur Landesgartenschau – hatte er die Ausstellung zur Geschichte der Erba durchgeführt. Die Ausstellung sei sehr erfolgreich gewesen, „weil wir mit einem sogenannten Milieu-Ansatz gearbeitet haben“. Die politischen Lager hätten sich in bestimmten Wirtschaften und Vereinen getroffen. In Gaustadt habe es ein Doppelmilieu gegeben, nämlich ein „Sozialistisches“ und ein „Katholisches“, und daher wurde 1932/33 nicht mehrheitlich die NSDAP gewählt.

„Er sei nun engagiert worden, dies für Reckendorf zu machen“, so betonte Dornheim, „und er sei bereit mit allen Leuten zu sprechen“. Auch mit Herrn Etterer hätte er sich ausgetauscht, der ihn auf seine Expertise zum Maler Bayerlein angesprochen hat. Dazu blieb zu sagen, dass er nicht empfohlen hat, die Bilder abzuhängen, sondern es sollten die Infotafeln daneben insofern berichtigt werden, dass Bayerlein ein Nationalsozialist der ersten Stunde war.

Bezogen auf das Projekt „Jüdische Geschichte in Reckendorf“, hätte er schon Buchbeiträge und Aufsätze gelesen, die Personenstandsregister in Baunach eingesehen und nach der jüdischen Konfession aufgelistet. In einem zweiten Schritt solle die Einwohnerliste als Biografien entwickelt werden: z.B. Carry Brachvogel, die in München als Schriftstellerin gelebt hat, ihr Vater war ein geborener Hellmann und stammte aus Reckendorf, oder Isidor Schmitt und Lehmann Schmitt, Metzgerfamilie, so glaube er. Auch sei er auf eine Unternehmerin gestoßen, da lägen die Akten in Berlin und könnten erst ab Februar eingesehen werden. Grund des bereits getätigten Aufrufs an die Bevölkerung sei es, Erinnerungen an die jüdische Bevölkerung zu erfahren. So hätte sich bereits jemand aus Daschendorf gemeldet, denn die dortigen Schüler seien über den Berg nach Reckendorf gekommen; auch wenn es Fotos gibt, solle man sich bei ihm melden.

Die Frage aus dem Publikum zum zweiten Band der Chronik, wann dieser erscheinen würde, konnte nur mit ungefähr „2022/23“ beantwortet werden, „denn wir warten schon drauf“, erinnerte Enrico Gruber.

„Es werden die Wahlergebnisse 1932/33 analysiert“, erklärte der Professor, „denn die seien hochspannend. Man könne in Franken sagen, das ist ein katholisches Dorf das ist ein evangelisches Dorf“.

Der zu behandelnde Zeitraum, so die Antwort auf Nachfrage aus dem Publikum, beschränke sich auf die Zeit zwischen 1850 und 1960. Er beziehe sich auf die politische Geschichte, auf soziale Geschichte, Wirtschaftsgeschichte, und weniger, wie der erste Band, auf das kulturelle Leben.

„Das Zeitkorsett sei ziemlich eng, aber“, so beteuerte Dornheim, „das werden wir schon hinkriegen: Wir haben auch eine Hilfskraft, vielmehr die Gemeinde hat eine Hilfskraft angestellt, die mich in der Archivarbeit entlastet.“ „Man könne sich auch vorstellen, ein Kapitel einzufügen, mit exemplarischen Lebensläufen“, so wurde auf die Frage von Gemeinderat Ludwig Blum (CSU) geantwortet. Am Ende erinnerte Professor Dornheim an die Ausstellungseröffnung am 1. Juli 2021.

Auf die Aufforderung von Bürgermeister Deinlein, ob es weitere Fragen gibt, vergewisserte sich Altbürgermeister Etterer: „Da ja die Bürgerversammlung heute nicht stattfindet, vermisse er die Logik, dass ja eine nächste Bürgerversammlung nach Artikel 18 der Bayerischen Gemeindeordnung in diesem Jahr abgehalten werden müsse und dann die Presse eine entsprechende Legitimation nachweisen könne“. Auf die Frage, wann denn die nächste Bürgerversammlung stattfinden würde, antwortete ihm der Bürgermeister: „Im Dezember 2021!“

Auch Enrico Gruber „fand es schade“, so äußerte er sich gegenüber dem Gremium, denn eigentlich ging er davon aus, dass die Bürgerversammlung stattfindet.

Verärgert war vor allem Franz Kuhn, als er die ehemalige Synagoge verlies, da er für diese Veranstaltung zwei DIN-A-4 Blätter mit Fragen und Anträgen vorbereitet hatte: Er schäme sich dafür, „was der Bürgermeister heute gebracht habe (…). Das hat mit Demokratie nichts zu tun!“

Adelheid Waschka


Ergänzung der Redaktion: Mittlerweile wurde durch Bürgermeister Deinlein ein Hausverbot für Adelheid Waschka verhängt, das für alle gemeindlichen Anwesen gilt. Darüber informierte Bürgermeister Deinlein auch unsere Redaktion.

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