Juden aus Reckendorf – „The Reckendorfer“: Projekt im Gemeinderat vorgestellt

Veröffentlicht am 24. Juli 2020 von Adelheid Waschka

Im Fokus der letzten Gemeinderatssitzung in Reckendorf stand die Frage nach einer Beteiligung der Gemeinde am Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, welches nächstes Jahr – 2021 – im ganzen Bundesgebiet gefeiert werden soll. Anlässlich dieses Gedenkens, das auf einer schriftlichen Quelle aus dem Jahr 321 n. Chr. in Köln beruht, hat sich dort ein Verein „321“ gegründet, der alle Veranstaltungen und Projekte koordinieren soll.

Eine Förderung durch das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI), die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen und der Stadt Köln wird dabei bis zu 90 Prozent in Aussicht gestellt.

Als qualifiziertes Verbundprojekt (P2) stellte Archivarin Adelheid Waschka dem anwesenden Publikum das von ihr konzipierte Projekt Juden aus Reckendorf – „The Reckendorfer“ (100 Biografien) – mit fränkischen Wurzeln in die „Weite Welt“ als Power-Point-Präsentation vor. Die Ideengrundlage fundierte auf einem Vortrag anlässlich des „Tags der Franken 2016“ über fränkische Pioniere, welche zur Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika einen beträchtlichen Beitrag geleistet haben. „The Reckendorfer“ Juden, so die Referentin, bilden seit ihrer Auswanderung in die Neue Welt ab 1834 eine Elite; Männer wie Isaias Hellmann, Mitbegründer der Wells Fargo Bank, trugen dazu einen wichtigen Teil bei. Ihre Nachfahren kämen, so wird die Kurzbeschreibung des Projektes zitiert, regelmäßig in die alte Heimat und erinnern sich beim Besuch des Judenfriedhofs und ihrer Stammhäuser an die Schlichtheit der eigenen Herkunft. Mit dem Aufzeigen von 100 Biografien jüdischer Personen mit Reckendorfer Wurzeln soll noch heute das Bewusstsein gestärkt werden, jene Geschichte(n), welche durch die Nationalsozialisten in Vergessenheit geraten sollten, zu bewahren.

Bereits die Passagierliste der „Washington“ vom 6. Juni 1856 nennt zehn junge Leute aus Reckendorf, fuhr die Archivarin fort, die sich von Bremen über Southampton nach New York aufmachten. Anlaufstation war der jüdische Tempel Emanu-El, dessen Vizepräsident Moses Schloss 1818 in Reckendorf das Licht der Welt erblickte (im Anwesen Mühlweg 12). Seine Ehefrau war die 1819 ebenfalls in Reckendorf geborene Amalie Walter (Bahnhofstraße 16). Die Deutschen ließen sich zunächst in „Kleindeutschland“ nieder.

Als 1848 der Goldrausch in Kalifornien begann, waren die „Reckendorfer“ dabei, jedoch nicht als Goldsucher, sondern, um in die Infrastruktur zu investieren, den Handel zu fördern und mit ihren Ideen zur Landesentwicklung beizutragen. Bereits 1851 gründete sich in San Francisco mit Kalman Haas die Firma „Haas Brothers“, welche ihren Spirituosenhandel über halb Amerika ausbreitete.

In Jacksonville Oregon gehörte der 1855 ausgewanderte Max Müller zu den Gründungsvätern. Sein Wohnhaus, das „Max-Muller-House“ steht heute dort unter Denkmalpflege. Sein Nachname verrät nicht, dass er Jude war.

Nachfahren kommen manchmal noch nach Reckendorf zurück

Als sich die Reckendorfer Juden 1817 einen Nachnamen wählen mussten, bevorzugten sie die Zunamen ihrer liebgewonnenen Nachbarn: Hofmann, Müller, Hartmann oder Schwarz, auch Seitenbacher, nach dem Bachlauf, der durch die Ortschaft fließt, erinnerte die Archivarin. Sie zeigte das Haus „Eidelsgasse 5“, das Geburtshaus von Isaias Hellmann und beleuchtete seinen Lebensweg in Los Angeles und San Francisco. In der Biografie „Towers of Gold“ bezeichnete ihn seine Urgroßenkelin und Schriftstellerin Frances Dinkelspiel als „Creator“ von Kalifornien. Sein Wohnhaus an der Ecke Sacramento-/Franklinstreet in San Francisco wurde beim Erdbeben im Jahr 1906 völlig zerstört, wie so viele, weshalb die Emigranten die historischen Häuser ihrer fränkischen Heimat umso mehr schätzen.

Erhalten ist das Wohnhaus von William (Wolf) Haas, heutiges Stadtmuseum von San Francisco (Haas-Lilienthal-House). Das vor kurzem von Fred Rosenbaum geschriebenes Buch „Jewish Americans. Religion and Identity at 2007 Franklin Street“ zeigt auf der Titelseite die Collage einer Zirkusarena anlässlich der Silberhochzeit des erfolgreichen Geschäftsmannes: Im Publikum sitzen die „Delegates From Reckendorf“. Das Geburtshaus von Wolf Haas befindet sich im Mühlweg 10.

Titelseite des Werkes „Jewish Americans. Religion and Identity at 2007 Franklin Street“ von Fred Rosenbaum, San Francisco, 2017 (Repro)

Emanuel Walter, der zu Ehren seiner Eltern, Nathan und Rosa Walter im Jahr 1905 in Reckendorf die gleichnamige Kinderheim-Stiftung gründete, war in seinem Wohnort San Francisco eine Berühmtheit. Er und seine drei Brüder gehörten zur Firma D. N. & E. Walter. Das Vermögen in Höhe von 950.000 Dollar ging laut seinem Nachruf an verschiedene Organisationen der kalifornischen Stadt. Die Nachkommen besuchen häufig sein Geburtshaus in der Bahnhofstraße, wo die Familie über 100 Jahre lebte.

Doch auch Frauen aus Reckendorf wurden berühmt. Carrie Walter-Stettheimer, um nur eine zu nennen, errichtete zwischen 1916 bis 1935 das sogenannte „Stettheimer Dollhouse (Puppenhaus)“, welches als Geschenk von Ettie Walter-Stettheimer im Keller des City-Museum in New York einen ganzen Raum ausfüllt. In liebevoller Kleinarbeit verarbeitete die Reckendorferin ihre Erinnerungen an die Heimat: eine gemütliche Küche, mit Kunstwerken dekorierte Wohnzimmer oder prächtig ausgestattete Gartensäle, wie sie die jungen Damen von den ritterschaftlichen Schlössern der Haßberge her kennt.

Besuch der Walter-Schwestern Daphne W. Bransten und Jennifer W. Fowler vor dem Walter’schen Stiftungshaus in der Bahnhofstraße, beide Unterstützung der Bürgerinitiative, März 2010.

Falls die erste Generation für die 100 Biografien nicht ausreichen sollte, so Waschka, müsse man sich der nächsten bedienen. So werden auf der ersten Seite des Buches über Robert Moses (1888-1981) „The Power Broker“, Stadtplaner von New York, als essenziell für seinen Lebenslauf die Herkunft der Großeltern Bernhard Cohen und Rosalie Silbermann (Silverman) aus dem „small Bavarian village of Reckendorf“ aufgeführt.

Familien, wie die von Robert Morgenthau, Nachfahre von Henry Morgenthau (Morgenthau-Plan) informieren sich, welche Projekte derzeit in Reckendorf durchgeführt werden, erinnerte sich Adelheid Waschka an ihren letzten Besuch in dessen Manhattaner Wohnung im März 2018.

Daneben gab es aber auch in Reckendorf bescheiden lebende Frauen, wie die 95-jährige Rebekka Bechhöfer, die mit ihrem Erbe 1936 der Kultusgemeinde in Würzburg als „große Wohltäterin“ in Erinnerung blieb (Grabinschrift). Oder fortschrittlich Denkende, wie Carry Brachvogel (Karoline Hellmann), die in München als Schriftstellerin und Frauenrechtlerin berühmt wurden, jedoch am 20. November 1942 in Theresienstadt ermordet wurde; ihr Vater stammte ebenfalls aus Reckendorf.

Friedhofsführer Roland Hubert neben dem Grabstein der im Alter von 95 Jahren am 18. Februar 1936 verstorbenen „großen Wohltäterin“ Rebekka Bechhöfer aus Reckendorf im Würzburger Judenfriedhof, August 2019.

Das Innovative des Projektes „The Reckendorfer“ so vollendete die Archivarin ihre Ausführungen, bestünde jetzt darin, dass diese 100 Biografien, natürlich zweisprachig, mit dem historischen Katasterplan von 1849 auf einer Medienstation zusammengeführt werden sollen. Die vorhandene alte Bausubstanz der Gebäude und historische Fotografien lassen es zu, dass die einstigen Straßenzüge des Ortes dreidimensional rekonstruiert, und so die Lebensgeschichten der einzelnen Personen an ihren Stammhäusern hinterlegt werden können. Für Schulklassen und Gruppen ist es vorgesehen, diese Präsentation mittels Beamer an die Wand zu projizieren und durch Mausklick zu navigieren.

Auf Nachfrage aus dem Rat, ob es eine andere Möglichkeit für die Trägerschaft gebe, als die der Gemeinde, erwiderte Adelheid Waschka, dass der Antrag in einer sehr kurzen Frist gestellt werden musste. Sie könne sich aber vorstellen, dass aus der jetzigen Bürgerinitiative, die den Erhalt des jüdischen Erbes in Reckendorf forciert, Multiplikatoren gewonnen werden können, die bei diesem Projekt mitwirken, sei es um weiter gefasste Öffnungszeiten der „Ehemaligen Synagoge“ zu garantieren oder auch Führungen im Ort zu übernehmen. Schließlich wurde der Projektantrag anlässlich der Teilnahme am Jubiläum vom Gemeindegremium einstimmig genehmigt, vorbehaltlich jedoch nur, wenn die entsprechenden Zuschüsse gewährt würden.

Weiteres aus der Sitzung vom 8. Juli 2020

Ziemlich rasch führte Erster Bürgermeister Manfred Deinlein (SPD) durch die sonstige Tagesordnung. Während des Kurzberichtes wurde über eine geringe Verlegung der Bahnhofstraße nach Norden berichtet, damit die Schieber unter der Wasserrinne richtig positioniert werden könnten.

Anlässlich der Verkehrsschau vom 8. Juli war zunächst die Straßensituation an der Kreisstraße BA 52 auf der Höhe Geracher Straße/Am Knock als völlig übersichtlich eingeschätzt. Nach kurzzeitlicher Beobachtung der dortigen Verkehrssituation wurde der Grund schnell plausibel, warum man dort gerne eine Querungshilfe gesehen hätte. Der Verantwortliche des Landratsamtes räumte daher ein, dass die Einrichtung möglich wäre, wenn man sich über die Kosten in Höhe von ca. 100.000 Euro einig werde. Auch die Einrichtung eines Abschnitts der Seitenbachstraße als verkehrsberuhigter Bereich durch die Widmung als Spielstraße wäre durchführbar.

Neuer Kassier der Baunach-Allianz wurde nach dem Ausscheiden vom Baunacher Bürgermeister Ekkehard Hojer sein Nachfolger Tobias Roppelt, so berichtete der Bürgermeister. Für die Neulinge im Gemeinderat erklärte Deinlein kurz die Ziele dieser Allianz: Man unterstütze eine Bauberatung im festgelegten Fördergebiet unter anderem durch eine Bauberatung mit 600 Euro, übernehme zehn Prozent der Investitionen bis zu einem maximalen Betrag in Höhe von 10.000 Euro zuzüglich je einem Prozent pro Kind oder beteilige sich an der Entsorgung von Bauschutt mit maximal 5.000 Euro. Für das Gebiet der Allianz ist die Erstellung eines Kernwegenetzes in Auftrag gegeben worden, dessen Fertigstellung sich allerdings wegen der Corona-Pandemie verschoben habe. Auch die Fair-Trade-Bewegung wolle man voranbringen, weshalb Thomas Stößel zum Nachhaltigkeitsbeauftragten ernannt worden sei. Außerdem stellt die Baunach-Allianz ein Regionalbudget für Kleinprojekte zur Verfügung, die jedoch bei Höchstkosten in Höhe von 20.000 Euro und einer Förderung bis maximal 10.000 Euro bis spätestens 30. September abgeschlossen sein müssen.

Die Umsetzung einer dezentrale Gasversorgung sei bei nur neun Rückmeldungen für Reckendorf nicht wirtschaftlich, 95 Prozent wären nötig, so dass man sich für die Versorgung des Kindergartens etwas anderes überlegen müsse, so Bürgermeister Deinlein. Für das Angebot eines Nahwärmenetzes seien noch weniger Rückmeldungen eingelaufen.

Die erste Amtshandlung des Behindertenbeauftragten Falko Badura bestand in dem Antrag an das Ratsgremium, bei der Neugestaltung von Gehwegen an der Hauptstraße (B 279) sich den barrierefreien Ausbau, wie in Baunach, als Vorbild zu nehmen.

Die Antwort an die Bürgerinitiative bezüglich dem Wohnhaus „Bahnhofstraße 4“ wurde vom Bürgermeister kurzerhand in die nichtöffentliche Sitzung verschoben.

Für die bevorstehende Klausurtagung der Gemeinderäte sollen folgende Projekte und Themen angesprochen werden: die Nutzung des „Stolbinger-Areals“, das Städtebauliche Entwicklungskonzept, die Gestaltung der Hauptstraße sowie der Infrastruktur im Ort, die Baunachbrücke, die Zukunft von Feuerwehr, Bauhof und historischem Bahnhof, die langfristige Geräteausstattung des Bauhofes sowie Kooperationsmöglichkeiten mit der Nachbargemeinde Gerach, Ausweisung neuer Baugebiete als „Einheimischen-Modell“, die Ausweisung eines Wohnmobilstellplatzes sowie die Parksituation im Altort allgemein und schließlich die mögliche Beteiligung an einem Energiepark im Zuge der Baunach-Allianz.

Am Ende des öffentlichen Sitzungsteils verkündete das Gemeindeoberhaupt, dass die Kartierung der Wasserleitungs-Versorgung von der VG Baunach übernommen wurde.

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