Klärschlamm, Ferienprogramm und das „Judenhaus“

Veröffentlicht am 8. Juli 2020 von Adelheid Waschka

Nach wie vor ist unklar, wie es mit dem so genannten Judenhaus in der Bahnhofstraße 4 in Reckendorf weitergeht. Es stellt sich die Frage: Ist es ein Denkmal – oder kann es weg? Der Gemeinderat diskutierte. In unserem Artikel nimmt auch Franz Kuhn aus Reckendorf Stellung zum Thema. Und natürlich gab es auch noch andere Themen im Gemeinderat.

Mit sichtlicher Freude informierte Bürgermeister Manfred Deinlein in seinem Kurzbericht zu Beginn der Gemeinderatssitzung von einer Ortseinsicht, welche am 18. Mai an der B 279 in der Reckendorfer Hauptstraße, auf Höhe der Anwesen „Weinstube Gundelsheimer“ und „Merzbacher“, stattgefunden hatte. Im Beisein der stellvertretenden Amtsleiterin Kathrin Roth und Michael Raab, beide Staatliches Straßenbauamt Bamberg, sowie Ing. Ingo Jacobsen und Dipl.-Ing. Matthias Strunz von der gleichnamigen Planungsgruppe (Bamberg) wurde signalisiert, dass der dort verlaufende Gehsteig eine Breite von 1,10 Meter erhalten solle. Somit wäre der Weg für Kinderwagen, Rollstühle und Rollatoren zu passieren. Vor der Umsetzung wurde das Ingenieurbüro Strunz beauftragt, eine Konzeptskizze aufzusetzen. Die Fahrbahn solle auf dieser Höhe einstweilen mit Baken auf eine Breite von 5,5 Meter verengt werden, bis die Umsetzung als barrierefreier Gehweg bis zum Jahr 2023 erfolgen kann.

Mit Bedauern teilte Bürgermeister Deinlein hingegen mit, dass innerhalb der VG Baunach das Ferienprogramm für die Jugend abgesagt werden musste. Alle Vereine können jedoch selbst entscheiden, ob sie ein eigenes Programm anbieten wollen. „Es bleibe ihnen offen, etwas zu veranstalten“, fügte er hinzu. Für die Ferienbetreuung möchten JAM und ISO e.V. Themenwochen veranstalten – zwei in Baunach und je eine in Gerach, Lauter und Reckendorf – welche noch individuell abgestimmt werden müssten. Auch hier würde man sich über die Unterstützung aus den Vereinen freuen, wenn diese zum Beispiel Betreuungspersonen abstellen könnten. Meldungen wären an die jeweiligen Jugendbeauftragten, also an Clarissa Schmitt oder an Christopher Blenk (JAM), zu erstatten.

Die Jagdgenossenschaft hat die Gemeinde aufmerksam darauf gemacht, dass immer mehr Mofas und Mopeds im Wald herumfahren. Hier gebe es zwar ein Betretungsrecht, das Fahren mit solchen Fahrzeugen sei jedoch dort verboten! Ein entsprechender Hinweis sei auch im Mitteilungsblatt der VG erschienen.

Klärschlamm beschäftigt auch Reckendorf

Ein Thema, welches bereits im Vorfeld der Kommunalwahlen die Reckendorfer Gemüter heftig bewegt hatte, nämlich die thermische Klärschlammentsorgung im Landkreis Bamberg, könnte mit der Herstellung einer Klärschlammtrocknungsanlage der Regionalwerke Bamberg GmbH für die Gemeinde Reckendorf eine zufriedenstellende Lösung darstellen. Weitere Details nannte Deinlein nicht und auch auf Nachfrage wurden diesbezüglich keine weiteren Informationen preisgegeben. Bevor eine Grundsatzentscheidung getroffen werden sollte, gab der Bürgermeister die Diskussion frei. So sah es Gemeinderat Erwin Wahl (CSU) als positiv an, die Sache endlich voranzutreiben. Markus Sippel (WBFW) fragte nach, ob bestehende Verträge bezüglich der Klärschlammausbringung vorhanden seien, was der Bürgermeister verneinte: Der Klärschlamm werde gepresst und die Entwässerung wieder in das Klärbecken zurückgeführt. Daraufhin meinte Bernhard Müller (SPD) provokant: „Wenn unser Klärschlamm so gut ist, warum verlangen wir dafür kein Geld?“ Bevor Bürgermeister Deinlein die Beschlussvorlage formulieren konnte, ob sich die Gemeinde an dem Konzept der Regionalwerke beteiligen wolle, fragte Gemeinderat Hartwig Pieler (CSU) nach: „Was machen wir bis dahin? Wo wollen wir hin? “ Eine Gewissheit für das Regionalwerkekonzept sei erst für das dritte Quartal 2021 zu erwarten.

Gemeinderat Niklas Klose (SPD) war der Meinung, man solle es weiter ausbringen. Maximilian Menzel (CSU) erinnerte daran: „Jetzt bin ich neu, welche Alternativen gibt es denn überhaupt, wie schauen die Kosten aus?“ Markus Sippel (WBFW) mahnte, „man müsse es voranbringen“, weshalb Gerhard Pförtsch (CSU) vorschlug, eine Interimslösung zu suchen und darüber abzustimmen. Auch Gemeinderatsneuling Dr. Frank Güthlein (WBFW) wollte sich vergewissern, ob die Kosten für das Verbrennen oder andere Konzepte identisch seien, so dass er darum bat, die Informationsunterlagen aus der April-Sitzung zu erhalten, und zwei Angebote einzuholen. Matthias Demling (SPD) erinnerte daran, eventuelle Mehrkosten gegen die Tatsache abzuwägen, dass durch eine saubere Lösung die Umwelt weniger verschmutzt werde. Der abschließende Grundsatzbeschluss, sich an dem Konzept der Regionalwerke GmbH zu beteiligen, wurde schließlich einstimmig verabschiedet.

Neuer Ausschuss trifft sich demnächst zum ersten Mal

Die Arbeitsweise des neuen vorbereitenden Planungs- und Umweltausschusses, so erklärte Maximilian Menzel (CSU), sollte sich nicht um bereits umgesetzte Projekte kümmern, sondern man wolle sich aus den Protokollen eine Übersicht verschaffen, wie viele Beschlüsse begonnen und noch nicht abgeschlossen seien. Das Abstecken der Kategorien sei der erste Schritt, erst dann könne man sich herauspicken, welche man forcieren und zügig umzusetzen müsse. Als Termin für die konstituierende Sitzung im Rathaus steht Montag, der 13. Juli, 18 Uhr, fest.

Zur Diskussion kam noch die Anbringung der Warnbaken in der Bahnhofstraße östlich von der Bahnlinie. Die Beobachtung hatte gezeigt, dass sie mehr hindern, als dass sie nützen würden, so resultierte Dr. Frank Güthlein (WBFW). Markus Sippel und zweiter Bürgermeister Jürgen Baum (beide WBFW) schlugen vor, nur eine Bake auf der Höhe des Schildes rechts vom Berg hinunter anzubringen, und Gerhard Pförtsch (CSU) erinnerte daran, dass durch die Geschwindigkeitsreduzierung auf zehn Kilometer pro Stunde beim Bahnübergang bereits eine Verkehrsberuhigung vorliege. Bernhard Müller (SPD) nahm den Vorschlag auf, den Verkehr mit einer Bake einzuschränken und die Anwohner nach dem Ergebnis zu befragen, bevor ein endgültiger Beschluss gefasst werden solle. Die Diskussion ergab, dass der Sachverhalt dem Bauausschuss nach einer Probezeit mit einer Bake wieder vorgelegt werden soll.

Die Warnbaken in der Bahnhofstraße.

Der Beginn der Bauarbeiten am östlichen Teil der Bahnhofstraße ist jetzt auf den 7. Juli 2020 angesetzt. Der Bereich vom Bahnübergang bis zur Friedenstraße wird somit bis Ende September für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Matthias Demling (SPD), gleichzeitig erster Feuerwehrkommandant, berichtete, dass die Eisenbahnschienen beim „Schiftlein“ während des letzten Starkregens überflutet waren. Nach Meinung des Notfallmanagers, würden die Ablaufrohre nicht ausreichen, so dass die Frage aufkam, ob man den Abfluss in den Schlosssee leiten könne. Laut Bürgermeister müsste dort ein Regenrückhaltebecken eingebaut werden. Bernhard Müller (SPD) bemerkte, dass man die Situation bei der nächsten Ortsbegehung anschauen und darauf achten sollte, ob nicht die Rohre nur verschlammt seien.

Wie geht es weiter mit „Bahnhofstraße 4“?

Das Kommunale Denkmalkonzept hat seine Fortsetzung mit dem Ortsrundgang am 25. Juni gefunden, informierte Bürgermeister Deinlein, wobei nicht mehr als zehn Teilnehmer dabei sein durften. Markus Sippel (WBFW) wollte noch einmal sicher gehen, dass das ganze Altdorf in Hinblick auf denkmalrelevante Häuser betrachtet werde. Durch einen weiteren Verzug entstehe Unruhe, ergänzte er, so dass ein Vorantreiben des Konzeptes erfolgen solle.

Im weiteren Verlauf der Sitzung erwähnte Bürgermeister Deinlein, dass bezüglich des Hauses „Bahnhofstraße 4“ verschiedene Posteingänge eingelaufen seien. Eine Denkmaleigenschaft für das Gebäude sei scheinbar nicht gegeben. Das Haus sei zweimal angeschaut worden, mit dem Ergebnis: „Einmal, es sei kein Denkmal, das andere Mal ‚mit Müh und Not‘, so dass eine Denkmalförderung mit wohlwollenden Zuschüssen ermöglicht werden könne“. Ausgangspunkt war die Voranfrage auf Abriss und Neuaufbau des Anwesens „Bahnhofstraße 4“ mit gefälligeren Fensterformen. „Wir stehen in der Zwickmühle, wollen wir den Erhalt historisch bedeutender Häuser? Oder den drohenden Leerstand auf der anderen Seite vermeiden“. Von einer Bürgerinitiative seien Unterschriften für den Erhalt gesammelt worden.

Ohne weiter auf die eingelaufenen Forderungen der Bürger vor dem Gremium einzugehen, fuhr das Gemeindeoberhaupt fort: „Aus meiner Sicht ist es nicht schützenswert, weil da einmal Juden gewohnt haben.“ Allerdings habe er den Eindruck, dass im Ort eine positive Stimmung existiere, zumal der Anteil der jüdischen Bevölkerung früher bei 40 Prozent lag. Das Haus aber zu erhalten, nur weil dort einmal jemand berühmtes gewohnt hat, – „sei es die Familie Hellmann, Gründer der Wells Fargo Bank oder der ‚Lehman Brothers‘“ , sah er jedoch nicht gerechtfertigt. Er habe zudem in Erfahrung gebracht, ergänzte Deinlein, dass es in Reckendorf überwiegend Juden waren, die aus wirtschaftlicher Sicht ausgewandert seien: „Die Gesetzeslage habe es so gebracht, dass sie sich andernorts angesiedelt hätten“; doch dies sei nur seine persönliche Meinung.

Für das Haus „Bahnhofstraße 4“ wurde Voranfrage auf Abriss gestellt. Foto: Adelheid Waschka

Gerhard Pförtsch, Mitinitiator der Bürgerinitiative „Kein Abriss des sog. ‚Judenhauses‘/Bahnhofstraße 4“ brachte am Ende der öffentlichen Sitzung noch einmal die Sprache auf das Anwesen „Bahnhofstraße 4“, nachdem die Eigentümerin Frau Böhnlein unter den Zuhörern war. Er berichtete von einem Gespräch mit ihr, und dass sie zu dem Haus eine starke emotionale Bindung aufgebaut hätte. Wenn ein anderer Investor vorhanden wäre, könnte der Abriss somit durchaus vermieden werden. Der Bürgermeister stellte noch einmal klar: Wir haben nicht den Abriss beschlossen, sondern wir haben den Antrag eines Neubauplanes stattgegeben. Es handelt sich um Privatbesitz und somit müsse es auch privatrechtlich behandelt werden. Bernhard Zahner schlug vor, dass man die Geschichte des Gebäudes mit einer Tafel visualisieren könnte, wozu Gerhard Pförtsch ergänzte: „Warum nicht eine Tafel anbringen und das Haus retten?“ Max Menzel bezog sich auf das privatrechtliche Verfahren im Fall „Bahnhofstraße 4“ und stellte fest, wenn ein Investor da sei, sollte man ihm wohlwollend entgegenkommen. Hartwig Pieler (CSU) erinnerte an das Verfahren einer Voranfrage und daran, dass diese korrekt nach bestehenden Regeln durchgeführt worden sei.

Ist das Anwesen Bahnhofstraße 4 erhaltenswert?

Schon mehrfach war das Anwesen Thema im Reckendorfer Gemeinderat, eine Bürgerinitiative hat sich gegründet. Franz Kuhn aus Reckendorf erklärt die Hintergründe gegenüber Nachrichten am Ort:

„Bei der letzten Bauausschus-Sitzung hat Bürgermeister Deinlein von 70 Zentimeter dicken Grundmauern berichtet. Nach einer Besichtigung bei der Eigentümerin können wir dies bestätigen. In Reckendorf hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die für den Erhalt dieses Hauses kämpft. Zu dem Gemeinderatsbeschluss, bei dem der Abriss beschlossen wurde, kam es, weil sich die Räte nicht informieren konnten und nicht informiert wurden. So kommt es, das auf der Unterschriftenliste viele Gemeinderäte unterschrieben haben. Bis jetzt haben wir ca. 230 Unterschriften, davon sind 50 Unterstützterschreiben aus Amerika, England und Neuseeland von den Enkeln und Urenkeln der ehemaligen Besitzer.

Die dicken Mauern deuten darauf hin, dass das Bauwerk viel älter sein muss als gedacht. Mein Haus ist von 1740 und ich habe nirgendwo annähernd dicke Mauern. Möglicherweise gehen die Grundmauern auf das 14. Jahrhundert zurück. Der Dachstuhl wurde 1690 gefertigt, 1790 wurde das Haus aufgestockt (Fachwerk), der Dachstuhl wurde wiederverwendet. Genauere Daten könnte eine dendrologische Untersuchung bringen, die der Gemeinderat bei seiner nächsten Sitzung am 8. Juli 2020 hoffentlich beschließt.

Ich möchte auch noch bemerken, dass meine Häuser in der Hauptstraße beide nicht unter Denkmalschutz standen und viele Leute der Meinung waren, ich solle sie wegreißen und neu bauen. Erst nach der Restaurierung wurden sie unter Denkmalschutz gestellt.

Anfang des 18. Jahrhunderts war das Anwesen das Stammhaus der Familie Lazarus Hellmann. Die Söhne betrieben ein Geldverleihgeschäft, später wurde daraus die „Bamberger Bank“, später „Hypo-Vereinsbank Bamberg“. Nach der Flucht vor dem Nazi-Regime nach Amerika gründete die Familie dort die „Hellmann Bank“, die dort als „Wells Fargo Bank“ bis heute beheimatet ist. Die große jüdische Gemeinde von Reckendorf stiftete die „Nathan und Rosa Waltersche Kinderheimstiftung“ für alle Reckendorfer Kinder.

Ich bin schon der Meinung, dass in dem Haus nicht nur eine jüdische Familie gelebt hat, sondern es waren geachtete Menschen und Kaufleute, deren Erbe heute noch sichtbar ist. Hier gibt es noch viele alte Gebäude, aber das Haus Bahnhofstraße 4 ist mit Sicherheit das älteste Haus in Reckendorf.

Man müsste die noch vorhandenen Häuser in diesem kulturgeschichtlich-jüdischen Zusammenhang als Alleinstellungsmerkmal herausheben. Das Levi-Strauss-Museum in Buttenheim sorgt für ca. 10.000 Besucher im Jahr und damit für viel Fremdenverkehr. Und: Es gibt mittlerweile auch einen Interessenten für das Gebäude, der es renovieren möchte.“

Franz Kuhn, Reckendorf

Sonstiges aus der Sitzung

Clarissa Schmitt (CSU) wollte schließlich noch eine Aussage von Bürgermeister Manfred Deinlein, die sie als Jugendbeauftragte betraf, aus der letzten Sitzung richtigstellen. Dabei hätte er mit Bezug auf eine dritte Person deren Aussage als falsch wiedergegeben, was er schließlich eingestand.

In der VG-Versammlung der VG Baunach wurde Markus Sippel (WBFW) zum Vorsitzendes des Rechnungsprüfungsausschusses benannt. Als Vermittler zwischen den Bürgern und den kommunalen Ämtern wird wie im Vorjahr Thomas Stößel zum Nachhaltigkeitsbeauftragten bestimmt. Gleichzeitig soll er den Kontakt zu anderen Einrichtungen, wie der Umweltgruppe oder der Fairtrade-Kooperative pflegen. Neuer Behindertenbeauftragter ist Falko Badura.

Der Männergesangverein Liederhort Reckendorf erhält einen Kulturförderzuschuss in Höhe von 150 Euro. Die Renovierung der Feldkreuze am Zeitzenhofer Straße und Bergweg sollen zurückgestellt werden, da eine Vergabe erst im Herbst nach der Behandlung des Zuschussantrags bei der Oberfrankenstiftung erfolgen kann.

Titelfoto: Familienarchiv Hellmann


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