„Er war kein grausamer, aber er war ein fanatischer Mensch.“

Veröffentlicht am 27. November 2014 von Johannes Michel

Liebe deinen Nächsten, selbst deinen Feind. Diese Devise ist ein fester Bestandteil des christlichen Glaubens – und zugleich einer, der im Alltag den meisten Menschen schwer fällt. Wie ist es aber, wenn plötzlich jemand vor der Tür steht, der über Jahre das eigene Leben negativ beeinflusst hat und nun um Asyl bittet? Das hat Pfarrer Uwe Holmer 1990 erlebt. Dennoch nahm er Margot und Erich Honecker bei sich auf. In Kirchschletten erzählte er aus seinem Leben.

Für Schlagzeilen hat Uwe Holmer schon oft gesorgt. Allein die Suchmaschine Google liefert über 10.000 Ergebnisse bei der Eingabe seines Namens. Mit dabei sind viele Zeitungs- und Onlineartikel, Fotos, Berichte. Am 25. November 2014 gastierte Holmer in der Abtei Maria Frieden in Kirchschletten, um aus seinem Leben zu berichten. Eingeladen hatte die evangelische Kirchengemeinde Zapfendorf, wo Holmers Sohn Kornelius seit vergangenem Jahr Pfarrer ist, und die Abtei unter Leitung von Äbtissin Mechthild Thürmer.

Zehn Kinder hat Uwe Holmer – und mittlerweile 49 Enkel. Nach dem Tod seiner Frau heiratete er wieder, fünf in die Ehe mitgebrachte Kinder kamen dazu. „Es ist schön, Kinder zu haben“, sagt Holmer in Kirchschletten. „Aber obwohl unsere Kinder in der DDR gute Zensuren hatten, kamen sie nicht auf die Oberschule.“ Denn dafür wäre unter anderem die Mitgliedschaft in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) notwendig gewesen. Bevor er zum Höhepunkt kommt, der Aufnahme von Margot und Erich Honecker in sein Pfarrhaus, erzählt er viele Situationen aus seinem Leben. Wie ihm, der 1929 geboren wurde und auch zur Hitlerjugend kam, klar wurde, dass ein christliches Bewusstsein und der Nationalsozialismus sich gravierend unterscheiden. Wie er sich 1948 entschloss, gegen jeglichen Zeitgeist, Theologie zu studieren. Und wie es war, in der DDR als Pfarrer zu leben und zu wirken.

Vortrag Uwe Holmer Kirchschletten 2014
Uwe Holmer (rechts) war für einen Vortrag nach Kirchschletten in die Abtei gekommen.

„Würden Sie Margot und Erich aufnehmen?“

Als Holmers Vater schließlich 1953, ohne Angabe von Gründen, arbeitslos wurde, beschloss die Familie, in den Westen zurückzugehen. „Gerade hier werden doch Pastoren gebraucht“, begründete Uwe Holmer sein Bleiben im neuen Staat DDR. Von 1955 bis 1967 arbeitete er als Pfarrer in Leussow in Mecklenburg und war dann bis 1983 Direktor der Bibelschule Falkenberg, bevor er Leiter und Bürgermeister der Hoffnungstaler Anstalten Lobetal (Klick für mehr Infos) wurde.

Und 1989, im Jahr des Mauerfalls, kurz vor Neujahr, kam die Kirchenleitung auf ihn zu mit der Frage: „Wären Sie bereit, Margot und Erich aufzunehmen?“ Holmer entgegnete damals: „Honecker? Wie komme ich denn dazu?“ Die Folge waren viele Gespräche, stundenlang. Und schließlich erlaubte er, dass sich das Ehepaar in seinem Pfarrhaus einquartieren durfte. Am 30. Januar 1990 fuhren die beiden in einer gepanzerten Limousine vor – und blieben, mit einer kurzen Unterbrechung, bis zum 3. April. Hintergrund war die Angst, den Honeckers könnte in einer ganz normalen Wohnung etwas zustoßen – Feinde hatte der ehemalige Machthaber zur Genüge. Es folgten fast tägliche Spaziergänge, Honecker erzählte vieles aus seinem Leben. „Bei geistlichen Themen blieb er aber stumm“, so Holmer. „Er war kein grausamer, aber ein fanatischer Mensch.“ Einmal habe er versucht, Honecker den Fehler des DDR-Systems zu erklären: „Der Sozialismus geht von guten Menschen aus. Die Menschen sind aber nicht gut, sondern Egoisten. Jesus wollte daher die Menschenherzen verändern, hin zum Guten.“

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„Honi lernt beten!“

In dieser Zeit wurde Holmer ein Prominenter. Die BILD-Zeitung etwa besuchte Holmer, heraus kam die Schlagzeile: „Honi lernt beten!“ Fernsehauftritte hatte der Pastor auch, zum Beispiel beim SWR. Und hier erzählt Holmer über etwas für ihn sehr wichtiges: Die Vergebung. „Nach dem Interview beim SWR kam ein Mann zu mir, er war sehr wütend und meinte: Sie dürfen Honecker nicht vergeben!“ Holmers Antwort: „Ich vergebe ihm für das, was er mir angetan hat – nicht für das, was er Ihnen angetan hat. Das müssen Sie selbst tun, sonst frisst die Bitterkeit Ihres Herzens Sie auf.“ Und: „Das Gift in der Seele ist es, das krank macht.“

Noch heute schreibe Margot Honecker, die seit 1990 in Chile lebt, jedes Jahr einen postalischen Gruß, wenn auch nur kurz, so Holmer. „Aus ihr ist kein Christ geworden, aber sie hat nicht vergessen, dass wir damals geholfen haben.“ Seine Erinnerungen hat Holmer übrigens im Buch „Der Mann, bei dem Honecker wohnte“ niedergeschrieben.

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