Was das Kanalnetz leisten kann – und wie sich der ÖPNV verbessern soll

Rund 50 Liter Regen pro Quadratmeter in weniger als einer Stunde, knapp 60 Feuerwehreinsätze und zahlreiche vollgelaufene Keller: Im Gemeinderat wurde ausführlich aufgearbeitet, was am 1. Juli in Kemmern passiert ist. Eine wichtige Entscheidung betrifft den ÖPNV: Die Gemeinde will beim Bedarfsverkehr eine direkte Verbindung nach Breitengüßbach erreichen.

Der 1. Juli dürfte vielen Kemmernern noch gut in Erinnerung sein. Innerhalb kürzester Zeit gingen enorme Regenmengen nieder, Straßen standen unter Wasser, Keller liefen voll. Knapp 60-mal rückte allein die Feuerwehr im Gemeindegebiet aus. Und dabei sind jene Fälle nicht mitgezählt, in denen sich die Betroffenen selbst halfen. Rund drei Monate später beschäftigte das Starkregenereignis nun ausführlich den Gemeinderat. Geschäftsleiter Markus Diller erläuterte in der Sitzung vom 1. Oktober 2026, wie das Kanalnetz in Kemmern funktioniert, welche Rückhaltemöglichkeiten es gibt – und vor allem, wo die Grenzen des Systems liegen.

Etwa 50 Liter Niederschlag pro Quadratmeter waren am 1. Juli innerhalb von weniger als einer Stunde gefallen. Die Verwaltung ordnet das als nahezu hundertjähriges Starkregenereignis ein. Eine Kanalisation könne für solche Wassermengen nicht ausgelegt werden, erklärte Diller. Üblicherweise erfolge die Bemessung auf Regenereignisse, wie sie statistisch alle ein bis fünf Jahre vorkommen. Damit ging Diller auch auf Gerüchte ein, die nach dem Unwetter offenbar die Runde gemacht hatten. Demnach sollen ausgefallene Pumpen für den Rückstau in der Kanalisation und die Überschwemmungen verantwortlich gewesen sein. Das sei nicht der Fall gewesen.

Pumpen und Hebewerke haben andere Aufgaben

Allein vier Pumpen befinden sich in den neuen Pumpwerken im Hochwasserdamm. Mit dem Abwasser aus dem Ort haben sie allerdings nichts zu tun. Ihre Aufgabe beginnt erst bei einem Mainhochwasser: Sie nehmen Drainagewasser auf, das durch den Damm drückt, und befördern es zurück in den Main. Noch einmal anders funktioniert das Schöpfwerk in der Mainstraße. Dort sind drei Pumpen verbaut. Sie werden benötigt, wenn gleichzeitig der Main Hochwasser führt und viel Oberflächenwasser durch Regen im Schöpfwerk ankommt, weil das Wasser nicht mehr über das Abwasserpumpwerk zur Kläranlage der Stadt Bamberg gefördert werden kann, an die Kemmern angeschlossen ist. Am 1. Juli herrschte jedoch Niedrigwasser. Daher konnte das Wasser über die dort vorhandene Schwelle direkt in den Main ablaufen.

Das Schöpfwerk nahe des Mains hat gleich mehrere Aufgaben.

Die hier verbaute Technik wurde jüngst erst auf den aktuellen Stand gebracht beziehungsweise überarbeitet.

Auch die weiteren Hebewerke im Ort sind nicht dafür gedacht, bei einem extremen Starkregen gewaltige Mengen Oberflächenwasser aus der Kanalisation herauszupumpen, sondern sie gleichen lediglich Höhenunterschiede der Kanäle aus. Diller erläuterte dazu unter anderem die Situation im nördlichen Gemeindegebiet. Dort gibt es einen Stauraumkanal, der bei Bedarf Mischwasser (also Abwasser und Regenwasser) aufnehmen kann. Wird dessen Kapazität erreicht, besteht zusätzlich eine Entlastungsmöglichkeit zum Kanal im Hochwasserdamm. Bemerkenswert: Diese Entlastung wurde nach Angaben Dillers seit dem Bau in den 1970er-Jahren noch nie benötigt – auch am 1. Juli nicht. Im südlichen Bereich ist die Situation wiederum anders. Dort sind solche Bauwerke nicht notwendig, weil das Wasser in Richtung Südwesten ungehindert abfließen kann.

Kanalnetz wurde bereits untersucht

Ganz neu ist die Frage, wie Kemmerns Kanalisation mit großen Regenmengen zurechtkommt, nicht. Bereits 2017 ließ die Gemeinde im Zuge der Arbeiten an der Binnenentwässerung eine hydrodynamische Kanalnetzberechnung erstellen. Dabei wird, vereinfacht dargestellt, am Computer simuliert, was an verschiedenen Stellen im Kanalnetz bei hohen Wassermengen passiert. Vor der Erschließung des Baugebiets Mehrgenerationenhaus wurde die Berechnung für diesen Bereich noch einmal aktualisiert. Eine Konsequenz daraus ist noch recht neu. 2024 wurde ein Verbindungskanal vom Baunacher Weg zum Kanal im Hochwasserdamm gebaut. Er soll den Bereich an der Kreuzung Baunacher Weg, Schulstraße, Bühlstraße und Schwester-Helene-Hutzler-Straße bei entsprechenden Situationen entlasten.

Gegen Hochwasser ist Kemmern durch den neuen Damm mit Mauer gut geschützt.

Einfach überall größere Rohre in die Erde zu legen, wäre dagegen keine realistische Lösung. Das liegt nicht nur an den Kosten. Teilweise befinden sich die bestehenden Kanäle nicht tief genug, um ohne Weiteres größere Durchmesser einzubauen. Hinzu kommen Grundwasser sowie andere Leitungen für Wasser, Gas, Strom oder Telekommunikation. Und letztlich müssten dafür in großem Umfang Straßen aufgerissen werden.

Die Gemeinde verweist deshalb auch auf die Verantwortung der Grundstückseigentümer. Gebäude sollten gegen einen Rückstau aus dem öffentlichen Kanal geschützt werden. Wo dies bislang nicht der Fall ist, empfiehlt die Verwaltung den Einbau beziehungsweise die Überprüfung von Rückstauklappen oder Abwasserhebeanlagen. Auch die Dachentwässerung sollte kontrolliert werden: Ist sie an der falschen Stelle angeschlossen, kann sich Regenwasser vor einer Rückstauklappe sammeln und schlimmstenfalls in den Keller gelangen.

Schäden waren über den ganzen Ort verteilt

Dr. Anne Schmitt (Grüne) wollte nach Dillers Vortrag wissen, ob am 1. Juli bestimmte Bereiche besonders betroffen gewesen seien. Das war offenbar nicht der Fall: Die betroffenen Grundstücke verteilen sich über ganz Kemmern. Mit Blick auf die geplante Erweiterung des Gewerbegebiets im Norden kam die Diskussion auch auf künftige Planungen. Rosemaria Schmitt (CSU) fragte, wie dieser Bereich an die Kanalisation angeschlossen werden könne. Diller verwies auf das dort vorgesehene Trennsystem. Ob die vorhandenen Kanäle ausreichen, müsse berechnet werden. Anne Schmitt regte an, von vornherein möglichst wenig zusätzliches Regenwasser in das Kanalnetz gelangen zu lassen. Denkbar sei beispielsweise eine Versickerung vor Ort über Rigolen.

Unterm Strich blieb nach Dillers ausführlicher Darstellung vor allem eine Erkenntnis: Die Regenmenge vom 1. Juli war schlicht zu groß, um von der vorhandenen Kanalisation in dieser kurzen Zeit vollständig aufgenommen zu werden. Die Pumpwerke im Hochwasserdamm hätten daran nichts ändern können – sie erfüllen eine ganz andere Aufgabe. Der Gemeinderat nahm den Bericht einstimmig zur Kenntnis.

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Mit dem Bedarfsverkehr nach Breitengüßbach?

Ein zweites Thema könnte für Kemmern langfristig gute Auswirkungen haben. Der Landkreis arbeitet derzeit an seinem neuen ÖPNV-Konzept. Ein Teil davon ist bereits weit fortgeschritten: Kemmern soll eine Taktlinie erhalten, die von Bamberg über Hallstadt nach Kemmern und wieder zurück führt. Nach aktuellem Stand soll sie von den Stadtwerken Bamberg betrieben werden.

Beim sogenannten Bedarfsverkehr gibt es dagegen aus Sicht der Gemeinde noch eine Lücke. Gemeinderat Thomas Ochs, der Kemmern im Kreisrat vertritt, erläuterte, dass Kemmern in den bisherigen Planungen dafür nicht berücksichtigt sei. Zunächst sei deshalb überlegt worden, die neue Taktlinie über Kemmern hinaus bis zum Bahnhof Breitengüßbach fahren zu lassen. Diese Variante wurde geprüft, wäre aber zu teuer. Nun nimmt die Gemeinde einen anderen Anlauf. Mehrere Bedarfslinien aus dem nördlichen Landkreis fahren bereits ohnehin den Bahnhof Breitengüßbach an. Zwei davon könnten nach Ochs‘ Darstellung grundsätzlich für eine Verlängerung nach Kemmern infrage kommen. Beide führen zudem am Gewerbepark Breitengüßbach vorbei, wichtig für Menschen, die kein Auto besitzen und zum Einkaufen fahren wollen. Für Kemmern könnte damit nicht nur die seit langem fehlende direkte ÖPNV-Verbindung ins wenige Kilometer entfernte Breitengüßbach entstehen, sondern gleichzeitig ein Anschluss an Bahnhof und Gewerbegebiet – möglicherweise im Stundentakt.

Der Gemeinderat will diese Möglichkeit nun offiziell beim Landkreis anmelden. Einstimmig beschloss das Gremium, die Aufnahme einer Verbindung zwischen Kemmern und Breitengüßbach in das künftige Teilkonzept Bedarfsverkehr zu beantragen. Vorrangig soll geprüft werden, ob eine ohnehin in Breitengüßbach vorgesehene Bedarfslinie bis Kemmern verlängert werden kann.

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